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Eckdaten: Ästhetik

Euch ist bestimmt aufgefallen, dass ich in letzter Zeit nicht zum Malen gekommen bin. Im Augenblick bin ich mehr mit Recherche und Charakterprofilen beschäftigt und ich wechsle nicht regelmäßig zwischen meinen Projekten hin und her. Ich habe ein System, auch wenn das für Außenstehende nicht so aussieht.

Ein bisschen Organisatorisches steht auch noch auf dem Plan, aber dazu wird es einen extra Eintrag geben. Ich hoffe, ich schaffe es schon im April mich wieder dem kreativen Teil zu widmen. Manchmal lässt es sich nicht einschätzen wie lange eine Sache, an der man gerade sitzt, dauern wird.

Andererseits brauche ich im Moment eh nicht nach Ausstellungsmöglichkeiten zu suchen. Viele Galerien haben jetzt andere Sorgen als ihr Programm für Herbst und Winter oder 2021. Sie sind froh, wenn sie bis dahin überhaupt noch existieren.

Wenigstens kann ich mir Zeit nehmen um übers Malen zu schreiben. Also, weiter geht’s mit Eckdaten! Diesmal ist das Thema die Ästhetik in meinen Bildern - die reiner Zufall ist, könnte man sagen.




Denn sie ist ein Aspekt, den ich kaum beeinflussen kann. Ich entscheide weder über die Lieder, die Künstler auf ein Album packen, noch über meine synästhetischen Reaktionen auf diese. Hinter meiner Arbeit steckt nicht Optik, sondern Visualisierung. Persönlich hätte ich es bei manchen Bildern bestimmt anders gemacht. Wenn mir die Farbgebung zu einseitig ist, eine weitere als Kontrast oder zu einer runden eine eckige Form als Gegenpol hinzugefügt.

Konkretes Beispiel: Farin Urlaubs großartiges zweites Soloalbum „Am Ende der Sonne“ klingt fast nur in den Nichtfarben. Lediglich Braun, Blau und Gelb wurde ein wenig Platz eingeräumt. Dem hätte ich sicherlich mit Rot entgegengewirkt um einen Akzent zu setzen. So kann ich es bei meinen abstrakten Welten machen, aber nicht in der Synästhesiemalerei. Was ich nicht sehe, kann ich nun mal nicht malen. Insofern muss mir die Ästhetik von vorn herein egal sein. Sie muss! Ich habe mir gleich abgewöhnt einen ästhetischen Anspruch überhaupt zustellen.

Meine Aufgabe besteht einfach nur darin, die Farben und Formen, die ich sehe, so genau wie möglich wiederzugeben.

Ich darf das Ergebnis nicht verfälschen, sonst hätte der ganze Aufwand keinen Sinn. Und auch wenn ich die Lieder kenne und mir während der Vorbereitung bereits Gedanken mache wie ich sie anordnen werde, habe ich fast bis zum Schluss keine Vorstellung davon, wie sie gleichzeitig miteinander agieren. Normalerweise sehe und höre ich sie ja auch eins nach dem anderen. Über die Komposition und mithilfe von Details (Tupfen, Punkte, Streifen – sofern vorhanden) versuche ich, im Rahmen meiner Grenzen, trotzdem an der Stimmigkeit rumzuschrauben. Ganz ohne mein Zutun funktioniert es eben doch nicht. Ich kann beispielsweise für eine ausgewogene Verteilung der Farben sorgen und die unterschiedlichen Formen dynamisch in Szene setzen. Dazu muss mir ein Album aber auch das Material geben. Von manchen kriege ich nicht viel, von manchen sehr viel und von manchen ist es genau das richtige Maß von allem. Das macht es jedesmal zu einer Herausforderung, die Lieder mit der Leinwand zu verbinden. Exakt das ist es, was den Reiz für mich ausmacht.

Während ich male, schallt die Musik durch den Raum und da muss ich mich vollkommen auf die Farben einlassen. Ich treibe irgendwie davon, die Farben übernehmen das Kommando.

Das Resultat kann dann genauso überraschend wie enttäuschend sein. Ich erkläre es Euch:


Eines meiner Lieblingsalben von The Red Hot Chili Peppers ist „I´m with you“. Sein dazugehöriges Bild ist auch eines meiner Favoriten.



("I´m with you", 14. März 2019, 40x60cm; Acryl auf Leinwand)


Ihr „Freaky Styley“ dagegen strengt mich sehr an (viele synästhetische Eindrücke auf einmal), aber das Bild ist echt cool geworden.



("Freaky Styley", 5. November 2018, 40x60cm; Acryl auf Leinwand)


„Die Sonne so rot“ von Westernhagen höre ich immer wieder gerne, aber das Bild schmiert im Vergleich dazu ab.



("Die Sonne so rot", 8. Dezember 2019, 40x60cm; Acryl auf Leinwand)


Mit Metallicas letztem Studioalbum „Hardwired … to self-destruct“ kann ich weniger anfangen als mit den Vorgängern (besonders den 90er Sachen) und auch sein Bild macht nicht viel her.



("Hardwired .... to self-destruct", 18. September 2018, 40x60cm; Acryl auf Leinwand)


Bei einem anderen Synästheten kann das aber jeweils andersherum sein. Auch Ihr müsst mir nicht zwingend zustimmen. Jedes Auge findet etwas Anderes schön.

Was Ästhetik in der Kunst bedeutet hat sich über die Jahrhunderte immer wieder neu definiert. In den 1860er Jahren schockierte der Impressionismus die Geschmäcker, genauso wie es ca. fünf Dekaden später auch die Abstrakte Malerei tat. Es gibt so viele Weltanschauungen, Meinungen und Ideen, da ist es nur logisch, dass es ebenfalls viele Arten von Kunst gibt, von denen jede ihre eigenen Strömungen und Stile hat.

Ich will nicht schockieren. Ich will jedoch auch nichts Schönheit geben, das keine hat. Ich möchte bloß zeigen.

Ihr wisst, ich verabschiede Euch sehr ungern ohne einen Song von Euch. Deswegen habe ich heute eine Perle aus meinem Lieblingslieder-Kästchen geholt. Katie Meluas wunderschönes „Nine Million Bicycles“ zieht weiße Linien, die an den Rändern silbrig glitzern, über einen pastellrosa Hintergrund. Sieht also so schön aus wie es klingt. Ein musikalisches Kleinod!






Obwohl mir selbst nicht alle meine Bilder gefallen, seid versichert, ich liebe trotzdem jedes einzelne. Jedes trägt etwas von mir in sich, das wirklich nur dieses bestimmte Bild von mir bekommen kann. Nach dem letzten Pinselstrich, wenn es ganz es selbst und frei ist, ist es zu einem entfesselten, sichtbaren Teil meiner Seele geworden.

Ästhetik hin oder her, meine Arbeit hat sich von ihr losgesagt. Sie unterwirft sich ihr nicht. Kunst sollte das niemals tun.


Ich werde hier eine neue Kategorie erstellen. Dann findet Ihr unter "Eckdaten" künftig alle Beiträge dazu auf einen Blick.



Lasst nie einen Tag ohne Musik vergehen!

Startet morgen gut ins Wochenende!


Eure TinTro

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