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Farbüberreste - Ein reizender Nebeneffekt

Ja, meine abstrakten Bilder sind eigentlich nur Resteverwertung. Wenn die Arbeit auf der Leinwand getan ist, bleibt stets etwas Farbe übrig. Sie einfach zu entsorgen, wäre Verschwendung. Genauso wie das Papier, das ich benutze. Das sind nicht ganz A4-große Blöcke aus dem Glaswerk in dem mein Bruder arbeitet. Die Formulare wurden durch neue ersetzt. Er brachte sie mir mit, weil sie sonst nur weggeschmissen worden wären.

Diese Bilder haben nichts mit Synästhesie zu tun und somit nichts mit meiner eigentlichen malerischen Arbeit. Deshalb haben sie keine Titel, sondern sind bloß nummeriert. Ich nenne sie abstrakte Welten. Obwohl Universen passt besser. Man sieht auf den Bildern nur einen kleinen Ausschnitt von einer Unendlichkeit.


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Es ist spannend, wenn sich die Farben direkt auf dem Papier vermischen. Ich überlasse Farben gerne sich selbst. Sie entscheiden wie sie sich darstellen möchten. Komposition und Farbauswahl bleiben jedoch an mir hängen und ich habe mich noch nicht richtig an diese Verantwortung gewöhnt. Normalerweise benutze ich die Farben und Formen, die mir die Lieder vorgeben. Darauf habe ich keinen Einfluss. Die Freiheit ganz nach meinem Empfinden, ohne Regeln, zu malen, muss ich erst noch lernen. Ich kann intuitiv aussuchen, welche Farben ich kombinieren möchte - Ein Universum gestalten so bunt wie Kaugummi und Bonbons zum Beispiel.



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Meistens entstehen dabei aber dunkle Welten. Wunderschön finde ich das dunkle Marineblau im nächsten Bild. Jede Farbe hat ihren eigenen Charakter. Ein Geschlecht, eine Attitüde, ein Wesen. Dieses Blau ist ein großer, starker Mann. Blau, auch dunkles, kann aber durchaus auch weiblich sein. Die Qualitäten variieren von Ton zu Ton.



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Aber was genau ist eigentlich Abstrakte Kunst? Ich sage immer, der Befreiungsschlag für die Farben. Rot z.B. wird nicht mehr verwendet, weil es stellvertretend für die Liebe steht oder das Modell ein rotes Kleid trägt, sondern einfach, weil es Rot ist.

Doch von Anfang an: „Abstrakte Kunst“ ist ein Oberbegriff, der mehrere Malstile unter sich versammelt. Die meisten denken dabei an wilde Farbklecksereien, die keine realen Objekte erkennen lassen. Das ist auch richtig, aber bis dahin brauchte es noch ein paar mutige Wegbereiter. Man fing erstmal an die Motive stark zu vereinfachen bzw. auf ihre Umrisse zu reduzieren. Einmal habe ich einen abstrahierten Rosenhimmel gestaltet. Das sind meine Lieblingsblumen. Dieses Bild steht vielleicht um einige Ecken in der Tradition von Kandinsky, der als Expressionist gilt, gleichzeitig auch als einer der Mitbegründer der Abstrakten Malerei bezeichnet wird. Laien behaupten, er sei ebenfalls Synästhet gewesen. Fachleute streiten sich darüber. Ich habe da auch meine Zweifel. Wie auch immer, in den frühen 1910er Jahren begann er seine Motive nur noch anzudeuten und eine weniger realistische Farbgebung zu wählen. Im Ansatz allerdings war beispielsweise ein Pferd trotzdem als solches zu erkennen.



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Wassily Kandinsky, "Reiter", 1911 (Quelle: Wikipedia)


Meine Malereien sind am ehesten dem Informel zu zuordnen. Auch das ist mehr eine Strömung als ein Stil, die in Paris zwischen 1940 und 1950 entstand und es bis zur völligen Gegenstandslosigkeit trieb.

Ihr Mittelpunkt verlagerte sich während dieser Dekade jedoch in die USA und dort beeindruckte einer ganz besonders auf diesem Gebiet – Jackson Pollock. Sein sogenanntes Action Painting verlieh dem abstrakten Malen neue Dimensionen. Bei seiner Arbeit ging es hauptsächlich darum wie die Farbe auf die Leinwand kommt. Mithilfe von schwingenden Blechdosen, Spachteln und was nicht noch alles. Ich möchte bei meinen Bildern auch mehr ins Gestische übergehen.


(Foto: Hans Namuth)


Im Konstruktivismus (der von den Künstlern selbst nicht zur Abstrakten Kunst gezählt wurde, aber von manchem Kunsthistoriker schon) wird mit einem strengen Formkanon gearbeitet, der geometrische Figuren beinhaltet. Polygone, Kreise und Linien werden nach mathematischen Berechnungen aneinandergesetzt wie bei Mondrian oder scheinbar ohne Konzept überlagert wie bei Maginelli. In meinen Synästhesie-Bildern finden sich zwar auch geometrisierte Formen, aber keine akkuraten, da die Farben der Musik für mich (fast) immer in Bewegung ist. Nichtsdestotrotz interessiere ich mich auch für die geometrische Abstraktion. Ich setze sie bei Papiercollagen, die sich mit den Kontrasten beschäftigen, ein.



Piet Mondrian, "Komposition mit Rot, Gelb, Blau und Schwarz", 1921 (Quelle: Wikipedia)


Und das ist bloß ein sehr kleiner Auszug aus den verschiedenen Richtungen und deren Vertretern. Was aber allen abstrakten Malern und Malerinnen gemein ist, ist die ganz klare Abgrenzung zum Realismus und auch zur Realität an sich. Die Beweggründe dafür sind vielfältig. Aber die Grundidee hinter all diesen Werken ist die, zu zeigen, dass Malerei mehr sein kann als das genaue Abbild eines Menschen, die Wiedergabe einer Landschaft oder das Festhalten einer Szenerie. Farben haben, losgelöst von Symbol- und Lokalfunktion, aus sich selbst heraus die Kraft das Innere des Betrachters anzusprechen.



Ich wünsche ein schönes Wochenende!


Eure TinTro








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