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Kandinsky: Der Mythos zerstört!

Der Titel dieses Eintrags ist natürlich sehr hoch gegriffen, ist mir bewusst. Aber mit reißerischen Aufhängern zieht man Leser an und mehr Aufmerksamkeit kann dieser kleine Blog gut gebrauchen.


Kurze Begriffserklärung vorab:

Synästhesist, Synästhet – jemand, der Synästhesie hat Synästhetiker – Neurologen, Genetiker, Psychiater usw., die Synästhesie erforschen

Alles klar? Dann weiter im Text.


Die Farbe ist die Taste. Das Auge ist der Hammer. Die Seele ist das Klavier mit vielen Saiten.“

Wassily Kandinsky


Jahrzehntelang wurde uns Wassiliy Kandinsky (1866 - 1944) als farbenhörender Synästhesist vorgesetzt. Synästhetiker rücken aber seit einiger Zeit von dieser Theorie ab. Ich habe in einem früheren Eintrag bereits erwähnt, dass ich das auch bezweifle. In diesem möchte ich erklären, warum.



(Quelle: www.kunst-zeiten.de)


Zurecht gilt Kandinsky als Ideengeber der Abstrakten Malerei. In seinem ohne Frage revolutionären Buch „Über das Geistige in der Kunst“ (veröffentlicht im Dezember 1911) schreibt er über die Anfänge der gegenstandslosen Malerei, obwohl er selbst nie bis zum Äußersten gegangen ist. Er sah die Zeit dafür noch nicht reif. Das Kunstverständnis der Betrachter sei noch nicht soweit gewesen. Doch die vorangegangen Veränderungen mit Impressionismus, Kubismus und Expressionismus bereiteten es allmählich darauf vor.



"Komposition (II)", Wassily Kandinsky, 1923 (Quelle: www.kunstkopie.de)


Wie viele Künstler entwickelte er auch seine eigene Farblehre. Sie basiert auf der Wirkung der Farben, ihrer physikalischen Eigenschaften und ihrem Verhalten in Kontrasten. Daraus hat er auch eigene komplementäre Paare entwickelt.

Das erste:



[...] klingt es, wie eine immer lauter geblasene scharfe Trompete oder ein in die Höhe gebrachter Fanfarenton.“


Es ist leicht nachzuvollziehen, wieso man ihn für einen Synästhesisten hielt. Wenn er z.B. schreibt über „innerliche Klänge, die der Farben Leben“ seien.

Oder sagt, die „psychische Kraft“ der Farbe bringe die Seele zum Vibrieren. Diese Aussage lässt sich locker als synästhetische Reaktion interpretieren.



Musikalisch dargestellt ist helles Blau einer Flöte ähnlich, das dunkle dem Cello, immer tiefer gehend den wunderbaren Klängen der Baßgeige [...]“


Es ist eindeutig, dass er sich sehr viele Gedanken dazu gemacht hat. Das ist jedoch das erste Indiz dafür, dass er kein Synästhet war. Jemand, der Farben hört, würde auf die Frage „Warum klingt Blau wie ein Cello?“ antworten: „Keine Ahnung. Ist halt so. War schon immer so“. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass man selbst das gar nicht hinterfragt. „Always on my mind“ ist ein hellblauer Song. Ich nehme das einfach hin.

Das zweite:



Musikalisch möchte ich das absolute Grün wohl am besten durch ruhige, gedehnte, mitteltiefe Töne der Geige bezeichnen.“


Offensichtlich hatte Kandinsky Kenntnisse über Synästhesie. Er erwähnt einen Arzt, der über einen Patienten schrieb, der Saucen blau schmeckte. An einer anderen Stelle verwendet er den Begriff „Farbenhören“, der ganz klar aus der Synästhesie-Forschung kommt.

Er scheint das „Phänomen“ nicht für eine merkwürdige Geisteskrankheit zu halten. Im Gegenteil sein Interesse, vielleicht sogar seine Faszination, verbirgt er nicht im Geringsten. Deshalb denke ich, wenn er selbst Synästhesie gehabt hätte, hätte er das einfach gesagt.

Man darf aber hier nicht unerwähnt lassen, dass Synästhesie damals noch offiziell als Störung der Sinneswahrnehmung galt, aufgrund dessen die meisten die Tatsache, dass sie Gerüche schmecken oder Formen hören, lieber für sich behielten.



Es erinnert musikalisch auch an den Klang der Fanfaren, wobei die Tuba beiklingt...“


Kandinsky sagt in seinen Ausführungen, man könne jene Farbe mit jenem Ton vergleichen. Synästhesisten vergleichen nicht. Unsere synästhetischen Reaktionen sind automatisch wie Reflexe. Sie passieren unwillkürlich und vor allem, stets gleich. Also, „Rocket Man“ ist ein rotes Lied und zwar jedes Mal, wenn ich es höre.

Es gibt ca. 80 Arten von Synästhesie, ich kenne bei weitem nicht alle. Aber ich kann zumindest für das Farbenhören sprechen. Und da funktioniert es nicht so, dass man musikalische Töne den Farben zuordnet. Es geschieht genau andersherum. Ich höre einen Song, ein Wort, sogar ein Geräusch und sehe dazu eine Farbe. Welche das ist, kann ich nicht beeinflussen.

Kandinsky sucht Instrumente, die zu den Eigenschaften der Farben passen (ohne an dieser Stelle näher auf diese eingehen zu wollen; das würde den Rahmen sprengen). Ganz, ganz grob übersetzt: Helle Farben sind hellen Tönen und dunkle Farben den dunklen Tönen gleich. Das muss nicht zwingend so sein. Abgesehen davon, ist Synästhesie eine vollkommen individuelle Sache. Für jemand anderen ist „Rocket Man“ eventuell braun mit grauen Streifen. Das dritte:



Wie eine mittlere Kirchenglocke, die zum Angelus ruft, klingt diese Farbe, oder wie eine starke Altstimme, wie eine Largo singende Altgeige.“


Anders als ein Synästhet, dem die Verbindung von Hören und Sehen angeboren ist, führt Kandinsky diese selbst herbei. Die Musik sei die einzige Kunstform, die frei von Natur ist. Alle anderen Künste (Maler, Fotografen, Schriftsteller, Schauspieler sowie, bis zu einem gewissen Grad, Tänzer) entnehmen ihre Sujets der „Natur“ (damit meint er die Realität). Die Arbeit des Musikers kommt allein aus ihm selbst heraus. Kandinsky nennt das die „innere Natur“. Von diesen Rhythmen, Melodien, Harmonien solle der Maler „ablernen“. Bilder komponieren mit den „innerlichen Klängen“ der Farben ohne die lästigen, von der Natur vorgegebenen Zwänge, in Farb- und Formwahl. Den dafür notwendigen Takt allerdings, hätte ein wahrer Künstler von Geburt an.


Es ist dem Klange ähnlich des englischen Horns, der Schalmei, und in der Tiefe den tiefen Tönen der Holzinstrumente (z.B. Fagott).“


Noch dazu kommt, dass jeder Musik anders hört. Ich habe festgestellt, dass das viel ausmacht. Musiker, die Notenlesen können, hören sich einen Melodie anders an, vielleicht unbewusst, aber sie tun es. Ich habe mal einen Fernsehbericht über eine Violinistin gesehen, die Terzen farbig sieht. Ich erkenne die überhaupt nicht. Zwar kann ich Akkorde auf der Gitarre spielen und das Keyboard nach Noten spielen (irgendwie), aber damit habe ich erst als Erwachsene angefangen und mein Musikhörverhalten war da schon eingestellt. Die Farben, die ich zu Musik sehe, ändern sich im Laufe eines Liedes kaum. Bei mir ist es so: Ein einzeln gespielter Akkord beispielsweise hat seine eigene Farbe, aber in einen größeren Zusammenhang gesetzt, fügt er sich diesem. Er erzeugt mit anderen Akkorden neue Farbklänge.



Es klingt innerlich wie ein Nichtklang, was manchen Pausen in der Musik ziemlich entspricht, den Pausen, welche […] nicht ein definitiver Abschluß einer Entwicklung sind.“



Es ist musikalisch dargestellt wie eine vollständig abschließende Pause ...“



Grau ist klanglos und unbeweglich.“


Wer Interesse an Kunstgeschichte und der Entwicklung ihrer verschiedenen Strömungen hat, kommt an „Über das Geistige in der Kunst“ (alle hier verwendeten Zitate stammen daraus) nicht vorbei. Wassily Kandinsky spricht über eine Welt im Umbruch, der Malerei an der Schwelle zur letzten Konsequenz. Darüber, wann Kunst wirklich gut ist und die Freiheit, die im Abstrakten liegt. Ich habe das Buch an einem verregneten Samstag in einem Rutsch durchgelesen. In diesem Beitrag sollte es bloß um den synästhetischen Aspekt in Kandinskys Werk gehen. Ich wollte keine Rezension schreiben oder mich mit jedem einzelnen Punkt kritisch auseinandersetzten. Darauf habe ich keinen Bock und das ist für diesen Blog thematisch irrelevant.

Auch wenn Kandinsky kein Synästhesist war, so hat er doch wesentlich dazu beigetragen, dass Künstler ihre synästhetischen Wahrnehmungen in ihrer Arbeit ausdrücken. Wäre die Abstrakte Malerei vor 100 Jahren nicht so vehement vorangetrieben worden, hätten sicher viele Künstler ihre Ideen, ihre Visionen nie verwirklicht.

Kandinsky half das Verständnis für Kunst zu erweitern und ließ so die Betrachter ihre Augen für das wahre Innere der Künstler und Künstlerinnen öffnen.



Euch wünsche ich ein schönes Wochenende! Hoffentlich seid ihr schon so richtig in Weihnachtsstimmung!


Eure TinTro


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