• TinTro

"Endlich Urlaub!"

Du bist nicht zu klein,

Sondern die anderen sind zu groß

Sie sind verlorene Riesen,

So einsam wie bizarr“


Am 22. Oktober 2001 veröffentlichte Farin Urlaub sein lange (von Bela B) angekündigtes erstes Soloalbum. Ich selbst war damals noch glühender Britney Spears – Fan, aber es dauerte nicht mehr lange bis sich mir der Rock´n´Roll offenbarte. Mit 15 verfiel ich dann dem Berliner samt seiner Stammkombo völlig.


(Quelle: last.fm)


Musikalisch ist er auf „Endlich Urlaub!“ noch nicht richtig aus der Die Ärzte – Schale geschlüpft. Tut aber weder der Qualität noch der Originalität weh. Bis auf Streicher und Bläser (denn auch ein Musik-Universalgenie kann nicht alles können) hat der große Blonde alle Instrumente in seinem eigenen Studio selbst eingespielt. Übrigens bekommt dieses für jede Platte einen neuen Namen, hier war es "Sonnenstudio".

Ursprünglich sollte auf dem Cover ein in Flammen stehendes Hotel zu sehen sein. Doch als Reaktion auf die fürchterlichen Anschläge auf das World Trade Center, kurz vor der Veröffentlichung, wurde aus diesem eine brennende Palme.

"Endlich Urlaub!" erschien auf dem Label Völker hört die Tonträger (Universal) und klingt überraschend farbenfroh. Denn, wenn ich an das Album denke, kommen mir zuerst die Nichtfarben in den Sinn. Sie zieren lediglich drei Songs, aber die hat Farin alle als Single veröffentlicht. Zum Beispiel die Metal-Nummer „OK“, die sich in quaderähnlichen Formen in jeweils Weiß, Schwarz und Grau zeigt. Doch sogar vor Pink macht meine Synästhesie hier nicht halt.


(Art & Design: Schwarwel, Jörg Grosse Geldermann/NEXT)


Die Mengenanteile von bunten und unbunten Farben sind recht ausgeglichen. Pures Schwarz gibt es jedoch wenig und alleine steht es nur bei „Sumisu“. Im genialen Video dazu tritt Farin als F.W. Murnaus Nosferatu auf und der Beat verströmt einen coolen 60er - Vibe.

Weiß hat dagegen mehr Einfluss. Mir gefällt es immer, wenn das Layout eines Albums mit meinen synästhetischen Reaktionen korrespondiert. Die CD-Hülle kommt schon in der Farbe der Unschuld daher. Ich sehe den Titel als ein Liniensystem, das ich dazu benutzt habe die Leinwand in mehrere Kompartimente zu gliedern. „Der Kavalier“ zieht in einem graudreckigem Weiß aus diesem Aufbau als rauer Sturm heraus und mündet in einem gelben Strom. Vielleicht möchte man das wilde „Glücklich“ als sein Auge betrachten. Es breitet sich am oberen Rand in verschiedenen vogelfußartigen Graustufen aus und ist genauso aufgeregt wie der Anfang des Songs selbst.


"Endlich Urlaub!", 18. Jul 2017, 40x60cm, Acryl auf Leinwand


Hauptsächlich sehe ich hier die Grundfarben. Gelb als horizontaler Streifen unter "OK" in „Jeden Tag Sonntag“ und als undefinierte Form im „Outro (ja, das wurde aber auch Zeit)“ links von "Sumisu". Es beendet die Platte also.

Rot eröffnet sie. „Intro (manche nennen es Musik)“ besteht aus zwei kleinen Teilen. Einer neben dem Outro, der fast verschwindet und der andere, etwas heller und langgezogen, im unteren Bilddrittel. Als Rosa erscheint es als Schlaufe für „Ich gehöre nicht dazu“ und als Fläche für „1000 Jahre schlechten Sex“, dem wahrscheinlich wütendsten Ska-Punk-Lied aller Zeiten. Dazwischen fließt in Beige das Instrumental „...und die Gitarre war noch warm“, nur begleitet von Ah-Ah-Chören und einzeiligen Einwürfen von Farin Urlaub („Quite beautiful!“). Erzeugt nicht nur Flamenco-Feeling, sondern bildet außerdem den Startpunkt für den weiß-grauen Wirbel. Zartrosa beginnt auch „Das schöne Mädchen“ und wabert über dem Outro vor sich hin bis es nur noch ein dünner roter Streif ist.

Die Blau- und Rotfacetten gefallen mir in dieser Arbeit ganz besonders gut. Durch sie ist der Kalt-Warm-Kontrast ebenfalls einigermaßen ausgewogen.

Ein schönes Hellblau höre ich bei „Wunderbar“, einer gebogenen Wolke oben links. „Am Strand“ geht von mittleren Tönen über in ein tiefdunkles Marineblau – als schaute man vom Ufer aus aufs Wasser. Ich habe es in der unteren rechten Ecke platziert, um es "Wunderbar" gegenüber zu stellen.

Ein mittlerer Blauton findet sich auch in meinem Favorit des Albums „Abschiedslied“. Er ist optisch nicht viel mehr als ein kurzer, vertikaler Strich, akustisch dafür umso mitreißender. Fette Bläser und aufreizende E-Gitarren. Ein ordentliches Brett! Dieser Auftritt ist aus der "Es besteht keine Gefahr für die Öffentlichkeit" - Tour von FURT und fand in der Freiluftarena in Graz am 6. Juni 2015 statt.



Die Grundfarben konzentrieren sich im Großen und Ganzen an zwei Stellen. In der oberen linken Ecke und genau gegenüber. Sie verlaufen von dem einen Punkt zum anderen in einem nach unten geneigten Bogen.

Kommen wir zu den Komplementärfarben. Violett und Orange sehe ich, wie so oft, überhaupt nicht. Aber eine spitzzulaufende grüne Form kann ich in „Lieber Staat“ hören. Ein Lied, das 18 Jahre nach seiner Veröffentlichung aktueller ist denn je.

Die 17 Bildobjekte könnte man in ihrer Anordnung als eine Insel erkennen von der ein Sturm aufzieht. Im Zentrum steht die einzige farbige Single „Phänomenal egal“, ein verträumtes „Nicht“-Liebeslied, wie eine gelb-beige aufgehende Sonne mit weißen Strahlen. Um diese herum schließen sich die nichtfarbigen Lieder an. Vom unteren Sonnenrand lagern sich die Objekte bis in die rechte Ecke hin waagerecht an. Die Übrigen ziehen sich um dieses Kreisgebilde in einem Linksbogen herum: eben wie ein Sturm, der sich entfaltet. Alles fließt gemeinsam und durch die Kompartimentierung ist alles miteinander verbunden.

Harte, kantige Formen höre ich nicht auf „Endlich Urlaub!“. Ihre lang-spitzen und rund-weichen Charaktere verleihen dem Gesamtwerk ein fröhliches Drängen aus seiner eigenen Mitte heraus und hinaus über die Grenzen der Leinwand.

Ich höre dieses Album sehr gerne und ich liebe dieses Bild. Die strahlende Kraft beider lässt mich immer wieder lächeln. Es ist im Grundtenor ein leichtes, verspieltes Album und wie eingangs erwähnt noch nah an Die Ärzte dran. Die von uns Fans erwarteten herausragenden Texte, die hitverdächtigen Melodien und den speziellen Urlaub - Humor hat er dennoch bravourös abgeliefert!



Also dann, haut rein und schönes Wochenende!


Eure TinTro



Zitat aus "Wunderbar"


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