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Grau – Von Mineralien und Senioren

Wenn ich aus meinem Fenster schau

Und alles, was ich sehe

Himmel, Erde und der ganze Rest

Ist Grau!“


„Grau ist alle Theorie“, ließ uns schon Mephistopheles in „Faust“ wissen. Und ja dieser Farbe haftet etwas Trockenes und Humorloses an, aber sie hat doch noch einiges in petto.

Denn Grau ist das Mittelmaß zwischen Schwarz und Weiß. Unterbewusstsein und Bewusstsein. Dunkelheit und Helligkeit. Es hängt dazwischen in einem Traum in der Dämmerung als das Unerklärliche, Unbegreifliche, Ungewisse.

Als Mischfarbe stellt es das Gleichgewicht zwischen diesen beiden Polen dar. Von Weiß hat es die Fürsorge und Unkompliziertheit und von Schwarz die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Demzufolge ist Grau also eine Unbunte Farbe, was sich deutlich in ihrem Kommunikationsverhalten zeigt. Sie drängt sich niemandem auf und akzeptiert die Grenzen anderer. Ihre Reserviertheit lässt sie zwar neutral oder vielleicht sogar gleichgültig wirken, aber man kann darin auch eine gelassene Ausgeglichenheit erkennen. Zudem animiert sie uns Situationen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Deswegen steht sie, anders als Schwarz (Stillstand) und Weiß (Leere), für die Perspektive.

Trotzdem hatte Grau lange einen schlechten Ruf als einfache, traurige Farbe. Es symbolisierte Armut, Elend, Einsamkeit und Mangel. Sein Name stammt vom althochdeutschen „griseus“ ab, das gering, unbedeutend und arm bedeutet. Seit dem 6. Jahrhundert trugen die Bauernfamilien ungefärbte Wolle, die einen bräunlichen Grauton hatte. So wie die Mönchskutten der Franziskaner, die ein ähnlich entbehrungsreiches Leben führten.

Es hat auch eine falsche, gewaltbereite Seite wie wir in den Wörtern „das Grauen“ und „grausam“ erkennen. Eine Handlung, die nicht eindeutig illegal ist, liegt in einer „Grauzone“.

Schlechtes Wetter macht nicht nur unsere Tage grau, sondern bietet auch Raum für Heimlichkeiten. Im Nebel kann man sich ungesehen verschwören und Verschleierungen planen. Es heißt nicht umsonst „Nachts sind alle Katzen grau.“

In der Redewendung „Asche auf mein Haupt“ steckt seine Bedeutung als Farbe der Schuld und den Gründen für diese: Bedrängnis, Dummheit, Faulheit, Vergessenheit.


Da keimt doch Hoffnung auf:

Der Silberstreif am Horizont







In der Natur verbinden wir Grau mit bestimmten Tierarten wie dem Wolf, dem Esel oder dem Elefanten und die Karthäuser ist eine beliebte Katzenrasse mit dichtem, samtenem Graufell.

Doch es begegnet uns mehr in der unbelebten Natur als Steine und Metalle aus denen die Städte und die Industrie entstehen. Hier steht es für die Unbezwingbarkeit und Unbeweglichkeit des Materials und die Sicherheit und Stabilisation des Lebens darin. Der Alltag der Arbeiterklasse malt sich Grau in Grau mit seiner Pünktlichkeit, seinen Büros und den großen und kleinen Sorgen.

Kein Song beschreibt das beklemmende Gefühl in der eingespielten Routine des Status Quo festzustecken besser als „Grau“ von meiner Lieblingsband Die Ärzte. 1998 veröffentlichten sie ihren heutigen Klassiker „13“ mit dieser Hymne an den Überdruss. Dreht laut auf!



Grau verfolgt also einen konservativen, unauffälligen Lebensstil. Es bleibt gern im Hintergrund und kann Aufregung nicht vertragen. Aufgrund dieser Zurückhaltung oft übersehen und uninteressant, gehörte es nicht gerade zur populären Clique – eine Graue Maus eben.

Die Grauen Herren in Michael Endes „Momo“ konnten ganz unbemerkt die Zeit stehlen und eine einflussreiche Person, die ungesehen hinter den Kulissen agiert, nennt man „Graue Eminenz“.

Tatsächlich gilt sie mittlerweile jedoch (oder gerade deswegen) als DIE Businessfarbe. Unternehmen, die mit Technik zu tun haben oder mit schlichter Eleganz werben wollen, nutzen graue Logos (Apple, Mercedes Benz, Daimler, Swarovski). Grau paart Seriosität mit Stil um mit sachlicher Kompetenz und formaler Professionalität aufzutreten.


(Quelle: Ingrid´s notes; Tabelle entwickelt von Illustratorin Ingrid Sundberg)


Grau ist äußerst differenziert in seinen einzelnen Nuancen. Vom tiefdunklen Anthrazit über das stumpfe Beton oder das matte Taube zum hellen Grieß zeigt es seine Wandlungsfähigkeit. Es geht verantwortungsvoll und unvoreingenommen auf uns zu. Analytisch denkend und mit einem kritischen Blick auf das große Ganze urteilt es emotionslos und gerecht. Dunkle Facetten erscheinen abweisender und unfreundlicher als die entgegenkommenden hellen. Doch in seinen mittleren Tönen bleibt Grau unentschlossen und gehemmt. Es ist zu unsicher und schwach um Farbe zu bekennen. Lieber zieht es sich in sich selbst zurück als eine Entscheidung zu treffen und ist stets für Kompromisse bereit, solange es unbehelligt bleibt.

Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte der Aquarellmaler William Payne zufällig einen blaustichigen Grauton aus gelbem Ocker, Karminrot und Preussischblau. Er lehnte Schwarz ab und suchte nach einem passenden Grau um besonders Wolken realistischer darzustellen.

Field Grey ist ein grünlicher Ton, der von Weitem schwer zu erkennen ist und deshalb als Uniformfarbe im amerikanischen Bürgerkrieg (Konföderierten) und im 1. und 2. Weltkrieg genutzt wurde.

Eine spezielle Variante ist Schlachtschiff-Grau, das einen Rostschutz enthält um die Stahl- und Eisenteile zu schützen. Heute findet es auch beim Autohersteller Audi Verwendung.



Der Ausdruck „Grisette“ bezeichnete im Paris des 19. Jahrhunderts junge Frauen, die alleine lebten und ihren Lebensunterhalt (in schlecht bezahlten Berufen) selbst verdienten. Manche von ihnen lebten sogar unverheiratet mit ihren Partnern zusammen. Weil dieser Lebensstil damals als äußerst unkonventionell galt, stand der Begriff abwertend für „die billigste Hure“, denn für ihre sexuelle Gesellschaft musste nicht bezahlt werden.

1975 gründete die damalige Grünen-Politikerin Trude Unruh den Seniorenschutzbund „Graue Panther“ aus dem später die gleichnamige Kleinpartei hervorging.

In den USA werden Wohnviertel mit hoher Arbeitslosigkeit als Grey Areas bezeichnet.

Und graues Haar symbolisiert die Würde des Alters und die Weisheit durch Lebenserfahrung.




Sollte die Menschheit öfter mal anstrengen:

Die grauen Zellen












Grisaille bezeichnet in der (Glas-)Malerei eine Technik bei der nur Schwarz, Weiß und Grau verwendet werden. Aber auch die Komplementärkontraste (Rot/ Grün, Blau/ Orange, Gelb/ Violett) miteinander vereint ergeben Grau. Wird es selbst mit einer anderen Farbe vermischt, verliert es nur schwer seinen Charakter.

Sein trübes Image von Tristess und Langeweile hat es in den 2010ern in Mode und Raumgestaltung abgelegt. Galt es aufgrund seiner Unscheinbarkeit bis dahin als altmodisch, macht es genau diese jetzt modern. Wer auf Understatement setzen will, greift zu Grautönen (auf denen Flecken auch weniger auffallen als auf Weiß). Man schafft sich zwar eine beruhigende, Halt gebende Umgebung, doch diese kann schnell zu nüchtern und monoton wirken. Grau ist nämlich ein richtiger Energiedämpfer.

Glücklicherweise ist es in seiner Harmlosigkeit so leicht beherrschbar, dass es sich hervorragend für Farbexperimente eignet. Weil es sich ohne Schwierigkeiten anpassen kann, bildet es zu jeder Farbe eine stabile Basis.

Für eine harmonische Umsetzung sollte man jedoch ein paar Regeln beachten:


Je mehr Licht in einen Raum fällt, umso kälter sollte der Grauton sein und umgekehrt.


Grau intensiviert leuchtende Farben und schwächt matte Farben ab.


Kalte Farben mit kalten Tönen und warme Farben mit warmen Tönen abstimmen.


Will man eine gemütliche Atmosphäre schaffen, kombiniert man es mit Pastelltönen.


Auch in meiner Arbeit ist es ein Allrounder. Es ist in fast jedem Bild präsent. Es zeigt alle seine Emotionen, ob in Kombination mit den bunten und unbunten Farben oder allein.



zerbrechlich im Titel von "By the way"














stark in "Small Town Girl"




























bedrohlich in "Krieg"






















traurig in "Me without you"












wild in "Dusche"









fröhlich in "We turn red"
















Und obwohl es nie im Mittelpunkt stehen will, dominiert es doch in ein paar meiner Arbeiten eindeutig die Leinwand.


"Californication", 13. Januar 2019; Acryl auf Leinwand


"Life thru a lens", 3. Oktober 2017; Acryl auf Leinwand


"...and Justice for all", 3.Juli 2018; Acryl auf Leinwand


Grau ist der nachdenkliche Zweifler. Grau ist der zuverlässige Diener. Grau ist der beständige Konventionalist.






Ich wünsche Euch einen schönen Februar!


Eure TinTro


(Quellen - Collage: Koalas - Australiens Koalas in Gefahr - Bis 2050 ausgestorben? (deutschlandfunkkultur.de) ; Wallpapers - Hintergrund Grau Bilder - Kostenloser Download auf Freepik ; Esel - Esel: Immer mit der Ruhe (duunddastier.de) ; Apple-Logo - The Apple Logo: History, Meaning, Design Influences, and Evolution - crowdspring Blog ; Brot - Low carb Graubrot Rezept, das vor Gesundheit strotzt (lowcarb-fit.de) ; Steine - Kieselstein Fotos, Bilder und Aufnahmen (shutterstock.com) ; Zinnmann - Facebook ; "Alle Farben Grau"-Cover - Alle Farben grau: Roman | wichtiger Roman über psychische Erkrankungen bei Jugendlichen (ab 14 Jahre) │ von Erfolgsautor Martin Schäuble : Schäuble, Martin: Amazon.de: Bücher ; Gewitterwolken - Grauer Tag Foto & Bild | landschaft, himmel, wolken Bilder auf fotocommunity ; Bugs Bunny - Bugs Bunny - Wikipedia ; Stahlgerüst - Page Not Found 404 ; Bleistift - Bleistift – Wiktionary ; Maus - Graue maus | Premium-Foto (freepik.com) ; Alufolie - Alufolie alufarbend 450mmx150mx11my | Folien | Verpackungen | Packing24.de ; Mercedes Benz-Stern - Original Mercedes-Benz Emblem für Motorhaube schwarz C E Klasse W205 204 213 238 - Hammer Store - Mercedes-Benz und smart Originalteile und Zubehör (hammer-store.de) ; Wolf - Deutscher Bauernverband e.V. - Wolf ; Kleid - Page Not Found 404 ; "Fifty Shades of grey"-Cover - Fifty Shades of Grey - Wikipedia ; Beton - Beton selber mischen - das richtige Mischverhältnis (ploetzlichbauherr.de) ; Silberbesteck - Wissenswertes für den Besteck Set Kauf - Küchen-Organizer (kuechenorganizer.de) ; Strolch - Copyright Disney; Die Grauen-Logo - Wissenswertes für den Besteck Set Kauf - Küchen-Organizer (kuechenorganizer.de) ; Die Grauen Herren - Momo (1986) - Film | cinema.de ; Asche - Waschen mit Asche - Früher war alles besser, oder? – eine naturwissenschaftliche Antwort (friedrich-verlag.de) ; Elefanten - Afrikanischer Savannenelefant • Pro Wildlife ; Silberstreif - Silberstreif am Horizont | Evangelische Zeitung (evangelische-zeitung.de) ; Gehirn - Schöne graue Zellen | Redaktionsblog | Grey Blog | Cascade Magazin (beton.org)








Recherche - Quellen: Internet & "Das große Buch der Farben" v. Klausbernd Vollmar)




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