Robbie Williams – Die witzigste Person der Welt
- TinTro

- 19. Apr.
- 25 Min. Lesezeit
Ja, genau und das ist er bereits seit 1996 als ihm dafür der Smash Hits Award verliehen wurde. Außerdem ist er laut Sky Magazine der Action Man des Jahres 1998 und die Lycra British Style Awards kürten ihn zum Elegantesten Künstler 2003. Das Company Magazine machte ihn mehrfach zum Sexiest Man on the Planet und 2010 erhielten er und seine Frau Ayda den red! Star Award als Paar des Jahres.
Bevor wir loslegen, möchte der King of Entertainment euch noch persönlich begrüßen.
Als Robert Peter Williams am 13. Februar 1974 in Stoke-on-Trent geboren wurde, ahnte jedoch noch niemand, dass er einmal all diese Auszeichnungen erhalten würde. Aber im Ernst, alle seine Musikpreise und Gold- und Platinschallplatten zu erwähnen, würde hier völlig den Rahmen sprengen. Deswegen beschränke ich mich in diesem Beitrag auf einige sehr, sehr, sehr wenige.
Doch von vorne. Robbie wuchs mit seiner älteren Halbschwester Sally in Burslem auf, wo ihre Eltern Peter und Jeanette (geb. Farrell) den „Red Lion“-Pub betrieben.
Und er würde nie vergessen, wo er herkommt. 2000 gründete er mit den Einnahmen aus einem Pepsi-Werbevertrag „Give it Sum“, eine Organisation, die gemeinnützige Vereine in Staffordshire unterstützt.

Als Robbie zwei Jahre alt war, gab Peter seinem Drang im Rampenlicht zu stehen nach und verließ die Familie um als Varietékünstler zu arbeiten. Bei den regelmäßig stattfindenden Besuchen steckte er seinen kleinen Sohn mit der Liebe zur Bühne und der Leidenschaft für Swingmusik an. Denn sein Programm bestand aus Klassikern von Dean Martin, Sammy Davis Jr. und Frank Sinatra.
Mit gerade einmal drei Jahren gewann Robbie seinen ersten Talentwettbewerb und war in den Folgejahren Mitglied verschiedener Theatervereine.
1989 wollte der Musikmanager Nigel Martin-Smith in Manchester ein Äquivalent zu der amerikanischen Boygroup New Kids on the Block zusammen stellen. Dafür engagierte er zuerst den 18-jährigen Gary Barlow, der neben Bühnenerfahrung auch eine Menge selbst verfasster Songs mitbrachte.
Jeanette Williams las die Anzeige für das Casting und meldete ihren Sohn direkt an. Erst nur als Ersatzmitglied unter Vertrag genommen, schaffte er es letztendlich, neben Mark Owen, Jason Orange und Howard Donald, als Jüngster in die Schlussbesetzung. Glück auch insofern für Robbie, da er seinen Schulabschluss nicht geschafft hatte. Von Lehrern und sich selbst als „dumm“ abgetan, kämpfte er jahrelang unbemerkt mit Dyslexie und Dyskalkulie. Jüngst ließ er verlauten seinen Abschluss nachholen zu wollen, eventuell mit anschließendem Studium.

Doch Spannungen ließen nicht lange auf sich warten. Barlow sollte von Anfang an der kreative Kopf sein und seine Lieder wurden bevorzugt ausgewählt. Robbies Vorschlag mehr in Richtung Hip Hop zu gehen, passte nicht zu Martin-Smiths Idee einer Boygroup.
Neidisch und frustriert verlor er das Interesse und verbrachte seine Zeit lieber mit Partys anstatt mit Proben. Alkohol und Drogen waren schon vor Take That Bestandteil seines Alltags, doch sein Konsum eskalierte zunehmend. Angeblich soll er in der Nacht vor den MTV Europe Music Awards 1994 in Berlin fast an einer Überdosis gestorben sein. Statt ihm Hilfe zukommen zu lassen, stellte man ihn am nächsten Abend wieder auf die Bühne. The show must go on!
Trotz der internen Streitigkeiten stiegen sie zur kommerziell erfolgreichsten Boygroup der 90er Jahre auf – und Robbie zum Fanliebling. Als am 17. Juli 1995 offiziell sein Ausstieg verkündet wurde, brachen europaweit Mädchenherzen. Das verbliebene Quartett überlebte diesen Einschnitt nur circa sieben Monate und gab am 13. Februar 1996 (Robbies 22. Geburtstag) seine Auflösung bekannt. Noch während der eigens dafür einberufenen Pressekonferenz brachen alle Dämme. Die Telefone beim übertragenden Sender BBC, bei MTV, der Bravo und sämtlichen Seelsorgehotlines liefen heiß. Die hauptsächlich weiblichen Teenager im Schockzustand konnten mit dem Ausblick an eine Take That-lose Zukunft nicht umgehen. Nicht wenige hatten Suizidgedanken.
Ich war damals zu jung für das alles. Ich finde es komisch, ihn als Teil einer Gruppe zu sehen. Für mich sind das Robbie Williams und die anderen. Aber ein paar Lieder kenne ich natürlich auch und „Back for good“ ist meiner Meinung nach der beste Song einer Boygroup überhaupt.
In dieser Zeit schloss er zum einen einen Management-Vertag mit ie:Music, der bis heute besteht. Zum anderen begegnete er Guy Chambers. Zusammen sollten sie eines der einflussreichsten Songwriter-Duos der modernen Popgeschichte werden.
Trotz dieser guten Voraussetzungen lief der Start in seine Solokarriere nicht reibungslos ab. Laut seinem Vertrag mit Smith durfte er nicht vor Barlow eine Single veröffentlichen. Er musste sich erst durch einen Rechtsstreit freikaufen.
Im August 1996 erschien dann seine erste Single „Freedom“, die prompt auf Platz 2 in Großbritannien und damit bei „Top of the Pops“ landete.
Das George Michael-Cover war mehr als Statement gemeint, denn als Vorstellung. Diente es im Original ja auch schon zur Lossagung von einer Boygroup-Vergangenheit. Teil seines ersten Albums wurde es jedenfalls nicht.
"Life thru a lens"

VÖ: 29. September 1997, Chrysalis Records, EMI
Produzenten: Guy Chambers, Steve Power
Genre: Power Pop, Glam Rock, Britpop-Einflüsse
Singles: „Old before I die“, „Lazy Days“, „South of the Border“, „Angels“, „Let me entertain you“
Kritiken: raffinierter Genremix; gilt heute als eines der besten Debütalben in U.K.
Kaum war Take That kalt und steif, da feierte Gary Barlow Charterfolge mit seiner Soloplatte „Open Road“. Dabei setzte er auf leicht verdauliche Lovesongs wie man sie schon von ihm gewohnt war.
Robbies erster Alleingang bedeutete viel mehr. Er musste erst noch beweisen, dass seine Songschreiberqualitäten denen von Barlow in Nichts nachstehen – ganz im Gegenteil!
Lieder über die Liebe findet man hier keine. Robbie singt über seinen Entzug „Lazy Days“, sein turbulentes Innenleben „Killing me“, seine Mutter „One of God´s better people“ und Gary Barlow „Ego a go go“.
Trotzdem sollte ihm erst seine vierte Singleauskopplung „Angels“ zum großen Durchbruch verhelfen und ist immer noch seine meistverkaufte Single. Mit ihr schossen auch die Verkaufszahlen des Albums selbst in die Höhe, das bis dahin eher ein Slow Grower war.
Der Nachfolger „Let me entertain you“ entwickelte sich zu einem klassischen Showopener. So wie hier bei den legendären Knebworth-Konzerten. Im August 2003 spielte er an drei Abenden vor jeweils 125 000 Zuschauenden - die vorm Fernseher nicht mitgezählt. Für mich war das damals Pflichtprogramm.
Wenn er ein Lied über eine seiner Freundinnen geschrieben hat, ging es nicht zwingend um ihre Beziehung. „Life thru a lens“ zum Beispiel beschreibt den Lebenswandel seiner damaligen Partnerin Jacqueline Hamilton-Smith. In „Eternity“ besingt er die kurze Romanze zu Geri Halliwell. Und, dass Guy Ritchie Model Tania Strecker für Madonna verlassen hat, inspirierte Robbie zu „She´s Madonna“.
Ernst machte er zum ersten Mal bei All Saints-Sängerin Nicole Appleton mit der er ab 1998 eine intensive On-Off-Beziehung führte. Sein Alkohol- und Drogenkonsum machten es ihr schwer an dieser Liebe festzuhalten.

Zunächst sah es jedoch nach einem Happy End aus. Die beiden waren verlobt und erwarteten sogar ein Kind. Nicoles Plattenfirma setzte sie aber, aus Angst um die Zukunft der Girlband, so sehr unter Druck, dass sie sich schlussendlich für eine Abtreibung entschied. Diesen Verlust überlebte die Beziehung nicht und sie trennten sich 1999. Nach eigener Aussage wollte sie nach dem Schwangerschaftsabbruch „einfach nur noch sterben“.
Er sagt rückblickend: „ […] she didn’t deserve the version of me that she got back then. I feel great shame that I didn’t represent myself in the best way because she deserves the best, and didn’t get it.”
Ein Jahr später kam Nicole mit Liam Gallagher zusammen mit dem Robbie sowieso schon länger im Clinch lag. Auslöser war wohl, dass Gallagher ihn als den „dicken Tänzer von Take That“ bezeichnete. Es folgten medienwirksame Sticheleien, die in der Presse zu einem Streit zwischen kommerziellen und „echten“ Musiker*innen hochgeschaukelt wurden. Aktuell herrscht scheinbar Waffenstillstand und auf seine Weise erkannte Robbie das musikalische Werk Oasis´s an, indem er sagte, manchmal müsse man „die Kunst vom Idioten“ trennen.
"I´ve been expecting you"

VÖ: 26. Oktober 1998, Chrysalis Records, EMI
Produzenten: Guy Chambers, Steve Power
Genre: Pop-Rock, Glam Rock, Popballaden
Singles: „Millenium“, „No regrets“, „Strong“, „She´s the one/ It´s only us“, „Win some lose some“
Kritik: erwachsener & selbstbewusster; steht Vorgänger in Nichts nach
Mit „Millenium“ (erste Nummer eins Single in U.K.), „No regrets“ (mit Neil Tennant und Neil Hannon) und World Partys „She´s the one“ etablierte er sich endgültig als Hitlieferant.
Ja, Robbie ist kein musikalisches Genie und hat sich manchmal mehr auf das Star- als das Künstlersein konzentriert. In sämtlichen Kommentarspalten entdeckte ich aber immer wieder Hörer*innen, die überrascht waren wie gut seine Texte sind und wie nüchtern er sich selbst reflektiert. Er spricht offen über seine depressiven Phasen, stetig wiederkehrende Selbstzweifel und dem Wunsch allen zu gefallen. „Strong“, übrigens in einem Kölner Hotel entstanden, ist ein sehr gutes Beispiel dafür.
Wer eine der frühen Pressungen hat, kennt das Lied „Jesus in a Camper Van“, welches später durch „It´s only us“ ersetzt wurde. Die Ludlow Publishing warf ihm vor, eine Zeile aus „I am the way“ von Loudon Wainwright III., an dem sie die Rechte besitzen, verwendet zu haben. 2002 stimmte ihr ein Gericht zu und er musste ihr 25% der Einnahmen abtreten.
Doch an diesem Punkt konnte Robbies Aufstieg in den Pop-Olymp nichts mehr aufhalten und so unternahm man einen konkreteren Versuch auf dem amerikanischen Markt Fuß zu fassen. Dafür wurden die besten Songs beider Alben zu „The Ego has landed“ zusammengestellt. Der erhoffte Erfolg blieb aus.
"Sing when you´re winning"

VÖ: 28. August 2000, Chrysalis Records, EMI
Produzenten: Guy Chambers, Steve Power
Genre: Dance Pop, British Rock
Singles: „Rock DJ“, „Kids“, „Supreme“, „Let love be your energy“, „Eternity/ Road to Mandalay“, „Better Man“
Kritiken: zeitlos; mit seinen Catching Tunes endgültig jeden angesteckt
Fuck the USA! Im Rest der Welt löste er mit „Sing when you´re winning“ eine regelrechte Robbiemania aus. In Deutschland schaffte er es das erste Mal auf Platz eins der Albumcharts.
Hilfreich war da sicherlich auch das Skandal-Video zu „Rock DJ“, indem er den Striptease auf ein neues Level hob. Außer seiner Kleidung entledigt er sich auch seiner Haut und seinem Fleisch bis nur noch sein Skelett verführerisch die Hüften schwingt. Musiksender stuften den Clip als nicht jugendfrei ein und zeigten ihn nur nach 22Uhr. Auf YouTube kann man ihn heutzutage ohne Sperre sehen.
Das wunderbar verträumte „Eternity“ ist zwar nicht auf diesem Album, entstand aber spontan während der Promotion und wurde als Doppel A-Single mit „Road to Mandalay“ veröffentlicht. Nicht zu vergessen „Kids“, mein Lieblingslied von Kylie Minogue.
Zwischen Ikonen wie „Supreme“ und Perlen wie der Blur-Remineszenz „Knutsford City Limit“ findet sich z.B. „Better Man“. Und was „Angels“ für Beerdigungen ist, ist „Better Man“ für Heiratsanträge.
Zu seinen großen Idolen zählt, neben Frank Sinatra und Elvis Presley, natürlich auch Freddy Mercury. So war es für Robbie eine besondere Ehre als Queen 2000 nicht nur „We are the Champions“ für den Film „Ritter aus Leidenschaft“ mit ihm aufnahmen, sondern ihn sogar baten ihr neuer Frontmann zu werden. Und obwohl das Angebot von Brian May und Roger Taylor ihm geschmeichelt haben muss, lehnte er es ab: "Auch wenn ich hier am Mikrofon sehr selbstbewusst bin, habe ich ein sehr geringes Selbstwertgefühl. Und ich dachte, ich erspare ihnen die Dreistigkeit, dass ich auch nur versuche, eine Bühne zu betreten und in derselben Liga wie Freddie Mercury zu spielen. […] Ich bin ein Entertainer. Freddie Mercury war ein Talent auf dem Niveau von Beethoven, mit einer engelhaften Stimme, einem unglaublichen Stimmumfang, Charisma und Erhabenheit. So bin ich nicht. Jeder, der versucht, seinen Platz einzunehmen, wäre nur eine blasse Imitation."
Hey, Apropos, Frank Sinatra!
"Swing when you´re winning"

VÖ: 19. November 2001, Chrysalis Records, EMI
Produzenten: Guy Chambers & Steve Power
Genre: Swing, Jazz, Big Band
Singles: „Somethin´stupid“, „Mr. Bojangles/ I will talk and Hollywood will listen“
Kritiken: überraschte mit nuanciertem Gesang, cineastischem Big Band-Sound & leidenschaftlicher sowie humorvoller Umsetzung dieser Hommage
Als Robbie den Musical-Klassiker „Have you met Miss Jones?“ für den Soundtrack zu „Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück“ aufnahm, beschloss er kurzerhand, die Tourneepause zu nutzen um ein Swing-Coveralbum zu produzieren.
Damit erfüllte er sich nicht nur einen lang gehegten Kindheitstraum, sondern löste eine Swing/ Jazz-Welle aus, auf der Künstler*innen sowie Castingshows surften. Es ist bis heute sein am schnellsten verkauftes Album in Großbritannien.
Unerwartet war auch die Wahl seiner Duettpartner*innen. Neben seinem langjährigen Freund Jonathan Wilkes hören wir Jane Horrocks, Rupert Everett und Jon Lovitz. Letzteren in „Well, did you evah“, über das ich mich sehr gefreut habe, weil ich das Original so liebe. Mit Nicole Kidman (!) erklomm er mit „Somethin´ stupid“ das erste Mal Platz eins der US-Singlecharts.
Die Eigenkomposition „I will talk and Hollywood will listen“ erschien als Nachfolger in Mittel- und Osteuropa. Hollywood hörte insofern zu, dass seine Version von „Beyond the sea“ im Abspann von „Findet Nemo“ lief.
Promotet wurde die Platte stilecht in der Londoner Royal Albert Hall. Ein Meilenstein in Robbies Karriere und die dazu erschienene DVD "Robbie Williams live at the Albert" ist eine der meistverkauften Musik-DVDs.
Für „One for my Baby“ engagierte er Bill Miller, der in den 50ern für Frank Sinatra höchstpersönlich am Piano saß. Und sogar die Stimme des Meisters selbst erklingt in „It was a very good year“ als Sample.
Zu Queen Elizabeths 60. Thronjubiläum 2012 organisierte Gary Barlow ein Konzert. Eine der wenigen Gelegenheiten bei denen Robbie „Mack the Knife“ zum Besten gab. Etwas zum Anlass Passenderes hatte er nicht im Repertoire, I guess.
2002 verlängerte EMI seinen Plattenvertrag für sechs Alben und zahlte dafür die Rekordsumme von 80 Millionen Pfund. Das machte ihn zu einem der höchstbezahlten Sänger weltweit und wird als „the biggest recording deal in British music history“ bezeichnet. Robbies schlichter Kommentar: „I´m rich beyond my wildest dreams.“
EMI sicherte sich ab, indem sie Anteile an Einnahmen von Touren und Merchandise beanspruchte. Im Gegenzug räumte sie ihm mehr kreative Kontrolle ein und wollte sich um seinen Durchbruch in den USA bemühen. Nichts ahnend, dass sein kommendes Output ihr das sehr schwer machen würde. Doch zunächst begann alles sehr vielversprechend...
"Escapology"

VÖ: 18. November 2002, Chrysalis Records EMI
Produzenten: Guy Chambers, Steve Power
Genre: Rock-Pop, Glam Rock, Stadionrock, Electroeinflüsse
Singles: „Feel“, „Come undone“, „Something beautiful“, „Sexed up“
Kritiken: zum ersten Mal nicht so euphorisch; als Möchtegern-Freddy Mercury belächelt; Eindruck, er wolle sich amerikanischem Markt anbiedern
Mir gefallen auch nicht alle Lieder, aber es gibt (außer „Me and my Monkey“) keine Totalausfälle. Der Elektroeinfluss ist noch gering „How peculiar“, der Stadionrock hymnisch ausgereifter „Monsoon“ und die selbstironische Arroganz unwiderstehlich wie eh und je „Handsome Man“. Für mich ist es ein rohes, düsteres „Life thru a lens“. Und genau wie dieses gebar „Escapology“ mit „Feel“ einen Überhit. Das Demo entstand schon 1999. Nach mehreren unbefriedigenden Überarbeitungen entschied man sich für die Veröffentlichung der Demoversion.
Die Ballade „Nan´s Song“ ist das erste allein von Robbie verfasste Lied, das jemals herausgebracht wurde. Es ist seiner verstorbenen Großmutter Betty gewidmet.
Der Musikjournalist Chris Heath begleitete den Sänger zwei Jahre lang beruflich wie privat und wurde mit „Feel“ zu seinem persönlichem Biograf. 2011 folgte „You know me“ und 2017 „Reveal“.
Noch während der Aufnahmen zu „Escapology“ überwarf er sich mit Guy Chambers, weil dieser nicht exklusiv für ihn arbeiten wollte. Von da gingen sie getrennte Wege und Robbies führte musikalisch bergab.
"Intensive Care"

VÖ: 24. Oktober 2005; Chrysalis Records, EMI
Produzenten: Robbie Williams, Stephen Duffy
Genre: Hommage an die 80er bei der Alles zusammen geschmissen wurde: Kraftwerk, Depeche Mode, Spandau Ballet, Neil Diamond, The Smiths, Queen...
Singles: „Tripping“, „Make me pure“, „Advertising Space“, „Sin Sin Sin“
Kritiken: überproduziert und ideenlos; einzelne Songs bes. „Spread your wings“ & „Advertising Space“ durchaus gelobt; es fehle an emotionalem Tiefgang (oder Guy Chambers?)
Die ersten Arbeiten mit seinem neuen Co-Autor Duran Duran Gründungsmitglied Stephen Duffy feierten auf „The Greatest Hits“ (2004) Premiere. Da mir „Radio“ und „Missunderstood“ (Soundtrack zu „Bridget Jones – Am Rande des Wahnsinns“) gut gefielen, freute ich mich auf „Intensive Care“ und fand´s dann auch okay.
Robbie wollte weg vom Mainstream und sich ganz neu erfinden. Die Aufnahmen fanden in seinem Schlafzimmerstudio in den Hollywood Hills statt. Erstmals spielte er selbst Gitarre, Bass und die Synthesizer ein. Er beschreibt dies als seine „dunkelste, aber kreativste“ Phase, was sich im Songwriting niederschlägt. Thematisch selbstreflektierter als je zuvor gespickt mit okkultistischer Symbolik.
Er stellte das Album im Oktober 2005 im Berliner Velodrom der Welt vor. Auch das war für mich damals Pflichtprogramm. Im Interview erklärte er, dass er neue Songs gerne in Deutschland vorstelle. Das deutsche Publikum verlange nicht nur nach den großen Hits, sondern gebe ihm das Gefühl, sich genauso über unbekannte Lieder zu freuen. Und prompt erreichte er mit „Tripping“ zum ersten Mal die Nummer Eins der deutschen Singlecharts.
Dieses Konzert fand im Rahmen der „Close Encounters“-Tour 2006 statt, die vierzig Konzerte auf vier Kontinenten umfasste (den Asienteil sagte er aus gesundheitlichen Gründen ab). Innerhalb von vierundzwanzig Stunden wurden 1,6 Millionen Tickets verkauft. Damit stellte er einen Weltrekord auf, der erst siebzehn Jahre später von Taylor Swift und ihrer „Eras“-Tour gebrochen wurde.
Sämtliche deutsche Presseagenturen boykottierten die Berichterstattung zur Tour und übertrugen keine Konzerte im Fernsehen als Reaktion auf Vorgaben des Managements, die besagten, dass Robbie nur noch zu festgelegten Zeiten und aus bestimmten Winkeln fotografiert werden dürfe und die Rechte dieser Aufnahmen bei der Künstlervertretung lägen.
"Rudebox"

VÖ: 23. Oktober 2006, Chrysalis Records, EMI
Produzenten: Soul Mekanik, William Orbit, Mark Ronson, Jerry Meehan, The Pet Shop Boys (<3), Brandon Christy, Graig Russo, Dave Lee
Genre: Dance, New Wave, Acid House, Hip Hop, Rap
Singles: „Rudebox“, „Kiss me“, „Lovelight“, „Bongo Bong and Je ne táim plus“, „She´s Madonna“
Kritiken: fand in der Szene durchaus Anklang, außerhalb aber verrissen; Spiegel online bezeichnete es als „Zumutung“ mit Songs, die andere Künstler*innen nicht mal als B-Seiten verwenden würden
„Rudebox“ markiert den Bruch in meiner Beziehung zu Robbie. Seitdem herrscht meinerseits Funkstille. Außer ein paar Singles habe ich nichts mehr von seinem weiteren Schaffen mitbekommen und war richtig überrascht im Zuge der Recherchen zu diesem Beitrag festzustellen, dass er Anfang diesen Jahres ein neues Album auf den Markt gebracht hat. Alle Alben, die auf dieses hier folgen, habe ich mir jetzt erst vollständig angehört.
2006 jedenfalls war er als Künstler an einem Wendepunkt: Der melodische Pop-Rock, der ihn zu einem der größten Superstars seiner Zeit gemacht hat, reizte ihn nicht mehr. Er wollte sich aus dem Hitzwang befreien, mit verschiedenen Stilen experimentieren, sich selbst ausprobieren. Endlich erfüllte er sich den, noch aus Take That-Zeiten stammenden, Wunsch einer Rap-Platte angelehnt an den britischen Hip Hop der 80er Jahre. Co – Autor war diesmal Jerry Meehan, der frisch als Bassist zur Liveband hinzugestoßen war, und mit dem das Schreiben laut Robbie „mühelos“ von der Hand ging.
Es ist noch schlimmer als ich es in Erinnerung hatte. Die Textzeile „Dance like you just won at the Special Olympics“ sorgte zurecht für einigen Unmut und für die Singleversion wurde das Wort „Special“ herausgeschnitten. Aber hey, das Komitee des Ivor Novello Awards verlieh ihm den Preis in der Kategorie „Best Songwriting“.
Die Lyrics von „The 90´s“ wurden ebenfalls überarbeitet, da sie implizierten, dass Nigel Martin-Smith damals Geld von Take That unterschlagen hätte. Woraufhin dieser klagte und eine öffentliche Entschuldigung von Robbie verlangte. Das Gericht gab Ersterem Recht und Letzterer ließ über seinen Anwalt verlautbaren, dass es nicht seine Absicht gewesen sei, diesen Eindruck zu erwecken und war bereit den Text zu ändern. Neben dem wirklich sehr guten „She´s Madonna“ sind tatsächlich die Lyrics das Beste an der Platte. In „The Actor“ macht er eine interessante Prophezeiung: „In the future, everybody will be anonymous for fifteen minutes.“
Eine Frage zu dem Cover von „Bongo Bong and Je ne táim plus“ - Warum?
Ende der 00er Jahre gönnte er sich eine Auszeit. 2007 begab er sich in den Entzug um seine Medikamentensucht zu bekämpfen. Währenddessen führte er eine On-Off-Beziehung mit der Schauspielerin Ayda Field, die er ein Jahr zuvor über ein Blind Date kennen gelernt hatte.
Außerdem entwickelte er ein intensives Interesse an UFOs und paranormalen Phänomenen. In seiner Nachbarschaft in L.A. gab es sogar eine Forschungsgruppe, die sich mit Entführungen durch Aliens und UFO-Sichtungen befasste. Er behauptet, zwei unbekannte Flugobjekte gesehen zu haben, die so nah gewesen seien, dass er sie mit einem Tennisball hätte treffen können.
2009 fühlte er sich bereit wieder musikalisch auf sich aufmerksam zu machen. Am 20. Oktober gab er ein Konzert bei den BBC Electric Proms in London, das in 200 Kinos in 20 Ländern übertragen wurde. Es wird allgemeinhin als sein Comeback-Auftritt betrachtet.
"Reality killed the Video Star"

VÖ: 9. November 2009, Virgin
Produzenten: Trevor Horn, Stephen Hague
Genre: Glam Rock, Disco, Psychedlic/ Sphere
Singles: „Bodies“, „You know me“, „Morning Sun“
Kritiken: Genre-Wirrwarr, in dem die Songs nicht zusammenpassen; Versuch die alten Fans zu erreichen missglückt
In „Last Days of Disco“ heißt es „Don´t call it a Comeback“. Keine Sorge, Robbie! Auf die Idee kam bestimmt niemand. Wenn überhaupt haben Fans eher auf die Rückkehr von Guy Chambers gehofft. Stattdessen waren hier mehrere Co-Autoren am Werk, die teilweise auch schon an der Produktion von „Rudebox“ beteiligt waren. Zu viele Köche verderben den Brei. Schade, denn die ersten vier Löffel waren köstlich. „Morning sun“ ist ein schöner Opener, „Bodies“ versprüht „Escapology“-Vibes vom Feinsten, „You know me“ wächst einem ans Herz und „Blasphemy“, tatsächlich noch mit Chambers geschrieben, ließ mich das Album doch ein Comeback callen. Zu voreilig!
Ich quälte mich durch die restlichen Lieder, die für meinen Geschmack zu lang sind, und wurde am Schluss wenigstens mit dem recht schönen „Won´t do that“ entschädigt.
Ironie des Schicksals: Weil das Debüt der Boygroup JLS Platz Eins blockierte, ist dies Robbies einziges Album, das nicht die Chartspitze erreichte.
Während seiner Auszeit feierten seine ehemaligen Kollegen ein großes Take That-Comeback. Clean und Träger des BRIT Awards für „Outstanding Contribution to Music“ entschied er, dass es nun an der Zeit sei, das Kriegsbeil mit Gary Barlow zu begraben. „Progress“ (2010) ist die offizielle Versöhnung der beiden. Bei der dazugehörigen Stadiontournee durch Europa war er noch dabei. Seitdem pausiert seine Mitgliedschaft jedoch.
„In and Out of Consciousness: Greatest Hits 1990 – 2010“ sollte dann doch schon seine letzte Veröffentlichung für EMI werden. Der Vertrag wurde 2011 nach nur drei Alben beendet. Seit dem historischen Deal war das Verhältnis zwischen dem Künstler und der Geschäftsführung ohnehin ziemlich angespannt. Ein Best of zur Feier seines 20-jährigen Bühnenjubiläums samt Duett „Shame“ mit Gary Barlow und „Brokeback Mountain“-Video war doch ein passender Abschluss.
2012 erfüllte sich endlich sein größter Traum. Er und seine Ayda, die er zwei Jahre zuvor auf seinem Anwesen in Los Angeles geheiratet hatte, bekamen ihr erstes Kind Theodora Rose.

Nebenbei bemerkt besitzt er noch eine Villa in London. Tür an Tür mit Jimmy fucking Page inklusive Nachbarschaftsstreit. Page versuchte Umbauarbeiten an Robbies Haus zu stoppen, weil er durch die Erschütterungen Schäden an seinem denkmalgeschützten Tower House fürchtete. Nachdem sich das Ganze mehr als eine Dekade hingezogen hatte, bekam Robbie grünes Licht. Kurz nach Beginn der Baumaßnahmen entschied er jedoch das Haus zu vermieten und so bleibt alles so wie´s hier ist. Egal, ob du hier bist und nich!
"Take the Crown"

VÖ: 2. November 2012, Island Records, Universal
Produzent: Jacknife Lee
Genre: Pop
Singles: „Candy“, „Different“, „Be a Boy“
Kritiken: fielen mau aus; Eindruck kein Risiko durch Experimente eingehen & alte Fans zurückgewinnen zu wollen
Hochmotiviert machte er sich an seinen Einstand bei Island Records. Die Zeit mit Take That habe ihm gut getan. Es hätte sich angefühlt wie „zur Familie zurückzukehren“ und habe ihn mit neuer Energie aufgetankt.
Er gab auch unverhohlen zu, dass er endlich wieder Hits schreiben wollte. Ein Vers aus dem Opener „Be a Boy“ ließ mich aufhorchen: „They said it was leaving me, the Magic was leaving me, I don´t think so“. Ähm...zumindest ich wurde nicht verzaubert.
Besonders Tracks wie „Hunting for you“, „All that I want“ oder „Not like the others“ versetzten mich sofort zurück in die 2010er. Den damaligen Zeitgeist der Popmusik hat er voll getroffen. Aber es klingt alles so 08/15 und so pesudo-episch wie ein Pfau, der eine potenzielle Partnerin beeindrucken will und kurz bevor das vollständige Rad geschlagen ist, die Federn wieder einzieht.
Ich habe noch eine Frage zu „Hey Wow Yeah Yeah“ - Warum?
Allerdings gibt es eine Ausnahme. „Candy“ (co-geschrieben von Gary Barlow) hört sich wirklich nach den guten alten Zeiten an und passt überhaupt nicht zum Rest der Platte. Er wird immer einer meiner absoluten Lieblingssongs bleiben.
Nach dieser Show stellte er „The Brits 2013“ als Gratis-Download auf seine Webseite. Darin beklagte er, dass die Preisverleihung zu einer langweiligen, korporativen Veranstaltung verkommen sei und er das Gefühl hatte, vor einem „toten Saal“ aufgetreten zu sein. Die Gegenseite nahm´s scheinbar sportlich, denn 2017 verlieh sie ihm den Award in der Kategorie „Icon“. Diese Ehre wurde vor ihm nur David Bowie und Elton John zuteil.
"Swings both ways"

VÖ: 15. November 2013, Island Records, Universal
Produzent: Guy Chambers
Genre: Swing, Jazz, Big Band
Singles: „Go gentle“, „Dream a little Dream“, „Shine my shoes“
Kritiken: diesmal nicht die Qualität der Musik, sondern Eindruck mit seinem bis dahin erfolgreichsten Album nochmal Geld machen zu wollen
Ja, ihr habt richtig gelesen! Guy und Robbie sind wieder vereint und haben eine Nummer aufs Parkett gelegt, deren Eleganz und Witz wir so lange vermisst haben. Ich finde „Swing when
you´re winning“ zwar insgesamt harmonischer und mutiger, nichtsdestotrotz ist dieses Album eine gelungene Fortsetzung.
Ich kann die Hauptkritik von der Wiederholung und Geldmacherei nicht verstehen und halte sie für lächerlich. In den meisten Fällen sind die Kunstschaffenden ihre eigenen Auftraggebenden und ich weiß aus Erfahrung, dass man dann ausschließlich das tut, was man am liebsten macht. Das Schöne an diesem Beruf ist das Können, nicht Müssen.
Abgesehen davon hatte Robbie schon länger vor, eine weitere Swing-Platte zu machen und steuerte dieser mehrere Eigenkompositionen bei als der ersten, u.a. „Shine my shoes“ und der Titelsong (Duett mit Rufus Wainwright). Gleichzeitig setzt er auf Klassiker wie „Puttin´ on the Ritz“ oder sein eigenes „Supreme“. Auch beim Film hat er sich bedient: Zusammen mit Olli Murs singt er „I wanna be like you“ aus „Das Dschungelbuch“ und aus dem „Der Zauberer von Oz“-Hit „If I only had a brain“ hat er eine zu Tränen rührende Ballade gemacht.
2014 startete er auf seiner Webseite eine Reihe namens „Under the Radar“, die Demos, B-Seiten und Raritäten enthält. "Volume 2" erschien 2017 und "Volume 3" 2019.
Im May 2016 schloss Robbie einen Vertrag mit Sony Music ab. Dazu sagte er: "They're inspired, I'm inspired. I'm more ready than I ever have been and I'm totally convinced I'm in the right place. I look forward to working on this album, which is an album I'm immensely proud of, in this exciting new partnership with Sony Music."
Ich bin auch more than ready to listen to this album. Auch, wenn mir bisher nicht so viel gefallen hat, macht es mir trotzdem Spaß mich durch die verpassten letzten zwanzig Jahre zu hören.
"The Heavy Entertainment Show"

VÖ: 4. November 2016, Columbia
Produzenten: Guy Chambers, Richard Flack, Gary Go, Jonny Coffer, Stuart Price, Steve Robson, Greg Kurstin, Johnny McDaid
Genre: Pop mit Elementen aus Rock, Country, Electro, Swing
Singles: „Party like a Russian“, „Love my Life“, „Mixed Signals“
Kritiken: positiver als zu „Take the Crown“; Genremix kam jedoch nicht gut an; obwohl Robbie als erfrischt & wieder mehr im „Escapology“-Modus empfunden wurde, wurde seine Musik weiter als durchschnittlich bewertet
Fans waren sich einig, dass das zumindest sein bestes Material seit Jahren war und dem stimme ich zu. Die im obigen Zitat genannte Inspiration und den Bock merkt man ihm hier definitiv an. Um in Partylaune zukommen eignet es sich optimal. „Sensitive“ ist ein weiterer George Michael-Tribut und „Bruce Lee“ erinnert unweigerlich an „Don´t bring me down“ von Electric Light Orchestra.
Die Single „Mixed Signals“ wurde von The Killers mitgeschrieben und eingespielt. Und mit Ed Sheeran schrieb er sogar ein Lied über mich:
Bei derartigen Hitgaranten erwartet man auch einen solchen, doch bis auf den Titelsong will hier keiner so richtig zünden. „Love my Life“ ist seinen Kindern gewidmet, denn Robbie war mittlerweile zum zweiten Mal Vater geworden (Sohn Charlton Valentine, geb. 2014). Deswegen erfuhr der Song große Resonanz. Ich kannte ihn tatsächlich schon aus dem Radio und muss zugeben, obwohl mich die Hintergrundgeschichte auch rührt, fand ich ihn schrecklich banal. Bis auf seine Stimme identifiziert ihn nichts als Robbie Williams-Song. Jeder hätte ihn schreiben können, Gary Barlow hätte ihn schreiben können. Diesen Gedanken hatte ich während der letzten Alben häufiger und Austauschbarkeit ist mein größter Kritikpunkt.
Seit seinem Comeback mit „Bodies“ ist er quasi Dauergast in der Castingshow X-Factor und trat auch mehrfach in der italienischen und australischen Version auf. Da war es 2018 zur 15. Staffel längst überfällig, dass er auch mal in der Jury sitzt. Neben dem unvermeidlichen Simon Cowell ergänzten ihn Louis Tomlinson und Ehefrau Ayda.
2019 erzielte er endlich einen beachtlichen Erfolg in den USA. Im März und im Juni/ Juli spielte er eine Reihe ausverkaufter Shows im Encore Theatre im „Wynn Las Vegas“ plus Verlängerung im darauffolgenden Jahr. Gegen Ende der Julietappe begannen die Aufnahmen für sein nächstes Album, auf dem er prompt seine neugeborene Tochter Colette Josephine (geb. 2018) in einem Schlaflied verewigte.
"The Christmas Present"

VÖ: 22. November 2019, Columbia
Produzenten: Guy Chambers, Richard Flack
Genre: Teil 1 „Christmas Past“ - Swing, Jazz, Teil 2 „Christmas Future“ - Pop, Disco (Cover & Eigenkompositionen)
Singles: „Time for Change“, „Can´t stop Christmas“
Kritiken: Überwiegend positiv, aber nicht überschwänglich
Auf dieses Album hatte ich echt keine Lust. Ich bin keine Weihnachtsmusik-Enthusiastin. Unter meinem kleinen Plastikbaum läuft „Blue Christmas“ von Elvis während ich im Schein der Lichterkette aus meinen Fenstern über Erfurt blicke. Das reicht mir um in besinnliche Stimmung zukommen.
Für mich ist es völlig okay, wenn man ein Weihnachtslied nur anhand des Textes als solches erkennen kann. Es ist mir hier manchmal ein bisschen zu dick aufgetragen mit Glöckchen und Kinderchor und von den siebenundzwanzig Songs hätte locker eine handvoll weggelassen werden können. Darunter das Duett mit Helene Fischer, die für „Santa Baby“ Gesang durch Gestöhne ersetzt hat. Nicht mein Weihnachten.
Das sind aber nur kleine Abstriche. Ich muss zugeben, es hat mich voll gekriegt. Und fuck it: Das ist sein bestes Album seit „Escapology“. Ich wusste, dass er es tief in sich drin noch drauf hat. Die Kollaborationen mit Jamie Cullum („Merry Xmas Everybody“), Rod Stewart („Fairytales“) und Bryan Adams („Christmas [Baby, please come home]) sind hervorragend. „Bad Sharon“ mit Ex-Boxer Tyson Fury jedoch ist nicht nur eine Überraschung, sondern auch DAS Highlight.
Inhaltlich gefällt mir „Not Christmas“ am Besten: Ein ehrliches Statement zum Fest der Liebe wie die meisten Erwachsenen es erleben mit Einkaufsstress, Familienstreits und Erwartungsdruck.
Wer das Jahresende in melancholischer Selbstbesinnung verbringt, sollte auf „Idlewild“ und „Darkest Night“ zurückgreifen.
Der Closer „Merry Kissmas“ ist eine smoothe Disconummer mit der ich nicht im Ansatz gerechnet habe und mich total zum Lachen brachte. Das ist Weihnachtsmusik nach meinem Geschmack.
2020 vervollständigte Beau Benedict Enthoven (What the Fuck, Robbie?! Bisher waren die Namen für Promikinderverhältnisse wirklich in Ordnung) die Familie Williams endgültig. Zumindest vermute ich, dass kein weiterer Nachwuchs in Planung ist. Das Ehepaar plaudert ja gerne mal aus dem intimen Nähkästchen und lässt Fans via Sozialer Netzwerke an ihrem Familienalltag teilhaben, aber man muss ihnen zugute halten, dass sie die Gesichter ihrer Kinder verbergen und weitestgehend deren Privatsphäre schützen.
"XXV"

VÖ: 9. September 2022, Columbia
Produzenten: Guy Chambers, Richard Flack
Genre: Orchestermusik
Singles: „Angels (XXV)“, „Lost (XXV)“
Kritiken: sehr gespalten; Negativ: enttäuscht, dass nicht alle Songs neu arrangiert wurden; die Neukompositionen seien nicht spannend; Orchester, Band und Sänger würden nicht immer miteinander harmonieren, bes. bei „No Regrets“; „Angels“-Neuversion sei schlechtestes Lied der Platte; Positiv: „Album der Woche“ in diversen Magazinen; Neuversionen der bekannten Lieder wurden hervorgehoben, bes. „No Regrets“; „Angels“-Neuversion sei bestes Lied der Platte
Anlässlich seines 25-jährigen Bühnenjubiläums als Solokünstler veröffentlichte er seine größten Hits plus einige Neukompositionen im Orchestergewand. Neubearbeitet bzw. arrangiert wurden die Songs von Guy Chambers, Jules Buckley und Steve Sidwell und mit dem Metropole Orkest in den Niederlanden eingespielt. Es wurde sein 14. Nummer Eins-Album in Großbritannien, damit hat er eines seiner großen Idole Elvis Presley überholt. Auffällig ist, dass sich hauptsächlich auf die Singles der frühen Alben konzentriert wurde und das Spätwerk kaum repräsentiert wird („Rudebox“ findet gar nicht statt).
Gehen wir die Kritiken mal durch. Ich finde es auch Schade, dass nicht alle Lieder neu arrangiert wurden. „Let me entertain you“ oder „She´s the one“ bekamen lediglich eine Orchesterbegleitung verpasst. Die neuen Tracks, z.B. „Lost“, „The world and her Mother“ oder „Home thoughts from abroad“ reißen mich ebenfalls nicht vom Hocker. Das ist aber auch schon alles, was ich zu bemängeln habe und ich muss mich bei Robbie entschuldigen.
The magic didn´t leave you. You were right. It just arrived a little late to the party. Ich wurde sogar von Liedern bezaubert, die ich vorher nicht mochte wie „Into the Silence“ und „Love my Life“. Und ich setzte noch einen drauf: Ich finde Robbie liefert auf diesem Album seine beste Gesangsleistung ab.
Das Jahr ließ er mit einer Show beim FIFA World Cup in Katar ausklingen. Für alle denen sein Auftritt 2018 in Russland noch nicht übel genug aufgestoßen ist. Dafür erntete er scharfe Kritik seitens diverser Menschenrechtsorganisationen u.a. Amnesty International. Seine Zusage begründete er folgendermaßen: "Of course, I don't condone any abuse of human rights anywhere. But, having said that, if we don't condone human rights abuses anywhere, then it would be the shortest tour the world has ever known: I wouldn't be able to perform even in my own kitchen." Und fügte hinzu: „I think the hypocrisy is that if we take that case in this place, we have to apply it unilaterally to the world. So if we apply that unilaterally to the world, nobody can go anywhere."
Man kann das meinetwegen so betrachten, sollte aber meiner Meinung nach auch die Plattform nutzen um ein Statement zu setzen. Ich habe den Eindruck der Fußball-Fan wollte unbedingt Teil der Weltmeisterschaft sein. Aber man kann Robbie nicht einfach Ignoranz vorwerfen.
In seiner Funktion als UNICEF-Botschafter gründete er „Soccer Aid“. Jedes Jahr findet ein Spiel mit Prominenten und Ex-Fußballer*innen statt, dessen Einnahmen an gute Zwecke gespendet werden. Knapp 140 Millionen Euro konnten bisher allein mit diesem Projekt gesammelt werden. Außerdem unterstützt er „Unite for Children“ und „Unite against AIDS“ und macht Feldbesuche (z.B. in Haiti) um die Verwendung der Spendengelder zu überprüfen.
"Better Man - The Robbie Williams Story"

Premiere: 30. August 2024, Opener des 51. Telluride Film Festivals
Regie: Michael Gracey
Drehbuch: Simon Gleeson, Oliver Cole, Michael Gracey
Produktion: Lost Bandits, Footlose Productions & Showman
Auf der Welle der Musiker*innen-Biopics mitschwimmend, erschien eine überraschend ehrliche und nichts beschönigende Satire auf das Showbiz sowie auf das Genre selbst.
Dass der Sänger von einem CGI-animierten Schimpansen dargestellt wird, mutet erstmal als skurriler Gag an, entpuppt sich aber schnell als genialer Coup. Gracey kam auf die Idee als der Sänger ihm erzählte wie er sich oft „wie ein Affe auf die Bühne gezerrt“ fühlte. Den Hauptprotagonisten (gespielt von Jonno Davies) zu verfremden, bringt ihn den Zuschauenden viel näher und das Voice-Over von Robbie selbst verleiht der Geschichte tiefere Aufrichtigkeit als man es von anderen biografischen Filmen kennt.
Leider konnten die begeisterten Kritiken den Flop an den Kinokassen nicht verhindern. Dafür brach der Film mit 16 Nominierungen (9 Gewinne) bei den Australian Acadamy of Cinema and Television Art Awards einen weiteren Rekord.
Für den Soundtrack wurden alle Lieder noch einmal in leicht veränderter Form aufgenommen um sie der jeweiligen Stimmung der herausragenden Musicalsequenzen anzupassen. Der offizielle Filmsong „Forbidden Road“ war sogar für einen Golden Globe im Rennen.
Schon früh in seiner Karriere sprach er offen über seine psychischen Erkrankungen. Er leidet unter Depressionen, ADHS und Körperdysmorphie, einer Störung, die die Wahrnehmung des eignen Körpers verzerrt. Robbie empfand sich stets als hässlich und zu dick, was wiederum zu Bulimie führte.
Mittlerweile hat er sich ein zweites Medium zur Verarbeitung seiner Dämonen erschlossen. In diesem Interview spricht er in berührender Bescheidenheit was ihn zum Malen bewogen hat und gibt einen kleinen Einblick in seinen mentalen Zustand.
"Britpop"

VÖ: 16. Januar 2026, Columbia
Produzenten: Karl Brazil, Sam Miller, Tom Longworth, Martin Terefe, Owen Parker, Freddy Wexler
Genre: Britpop, Glam Rock, Orchester, Synthesizerpop
Singles: „Rocket“, „Spies“, „Human“, „Pretty Face“, „All my Life“
Kritiken: angenehmer Kritikererfolg; ungewohnt avangarde Melodiösität wurde gelobt; Konzept zu vage umgesetzt; Britpop habe Schwierigkeiten mit den anderen Genres zu konkurrieren
Nach geschlagenen 10 Jahren veröffentlichte er ein Album mit ganz neuen Songs. „Britpop“ will als Hommage an Bands wie Oasis, Pulp, The Verve oder Blur (<3) verstanden werden, die die 90er musikalisch revolutionierten und von deren Bewegung Robbie damals schon gern ein Teil gewesen wäre.
"I set out to create the album that I wanted to write and release after I left Take That in 1995. It was the peak of Britpop and a golden age for British Music“, erklärt er die Intention dahinter.
Okay, Robbie, let´s see... Die Legende besagt ja, dass der Britpop starb, als Robbie Williams „Angels“ schrieb. Die Singles „Spies“ und „All my Life“ kommen dem ursprünglichen Britpop am nächsten, können ihn aber nicht wiederbeleben.
Die zugrunde liegende Idee habe ich dann auch schnell vergessen und mich einfach auf jedes Lied einzeln eingelassen. Und ich habe das leise Gefühl, dass wir uns in Zukunft wieder annähern könnten. Da war doch nach hinten raus einiges Interessantes dabei, z.B. „It´s OK until the drugs stop working“, „Selfish Disco“ (jetzt schon ein Fanliebling – zu Recht), „G.E.M.B.“, „Comment Section“ (eine verfluchte Folge seiner eigenen Prophezeiung aus „The Actor“) oder „You“. Einerseits höre ich hier Robbie wieder, andererseits höre ich ihn anders und es gefällt mir. Die Härte, die er auf „The Heavy Entertainment Show“ versuchte zu etablieren, bricht sich hier Bahn an den ungewöhnlichen Rhythmen und unkonventionellen Melodien vorbei.
Ursprünglich sollte das Album im Herbst 2025 erscheinen, er befürchtete aber, dass ihm Taylor Swifts „The Life of a Show Girl“ in die Quere kommen würde: "I could pretend it's not, but it is. It's selfish. I want a 16th No 1 album." Und was soll man sagen, Robbie, you did it again!
Was ich an ihm als Künstler stets geschätzt habe, ist seine Furchtlosigkeit sich in verschiedenen Stilen zu versuchen – egal, ob er damit das Publikum, von dem er gleichzeitig so unbedingt geliebt werden will, vor den Kopf stößt. Jeder/ Jede Kunstschaffende weiß, dass die kreativen Flüsse verschlungene Wege entlang fließen und dass ein Idee nur der klitzekleine Anfang von einem unbekannten Ende ist.
Ich bin nur auf das Video zu „Rock DJ“ gesondert eingegangen, weil es damals so kontrovers aufgenommen wurde. Zwar kann ich mich in diesem Beitrag nicht mit jedem einzelnen Videoclip auseinandersetzen, aber trotzdem muss ich ihnen einen Abschnitt widmen. Denn nur wenige Künstler*innen nutzen dieses Format auf dieselbe geniale Weise wie Robbie. Er hat daraus eine eigene Kunstform gemacht und bringt sich stark in die Arbeit des jeweiligen Kreativteams mit ein. Fast alle Videos sind kleine Filme oder zeigen ihn in Kostümen: als James Bond in „Millenium“, ein Kiss-Tribut in „Let me entertain you“, als Schutzengel in „Candy“, als Rennfahrer in „Supreme“, eine „Grease“-Performance in „Kids“, als Boris Johnson in „Can´t stop Christmas“, als Eiskunstläufer in „She´s the one“, als Astronaut in „Morning Sun“, als Cartoonfigur in „Let love be your energy“ und und und
Stellvertretend schauen wir uns wenigstens fünf an:
Na klar... „Rock DJ“
Als Sektenguru in "Sin Sin Sin"
Als Hase in „You know me“
Als Elvis-Imitator in „Advertising Space“ (meiner Meinung nach der beste Song, den er je geschrieben hat)
Als Talkshow-Moderator, der Robbie Williams interviewt in „Lost“
Da sind wir nun 77 Millionen verkaufte Tonträger, 13 Tourneen, eine Aufnahme in die U.K. Music Hall of Fame als „Greatest Artist of the 90ies“, 18 BRIT Awards (mehr als jede/r andere Künstler*in in U.K.) und 16 Nr. 1-Alben in U.K. (mehr als die Beatles) später. Puh, kurz durchatmen!
Und jetzt...weil ich euch natürlich nicht ohne entlassen kann...und ich weiß, dass ihr es auch wollt... und ich euch schon mitsingen höre...
„I sit and wait, does an angel contemplate my fate?“
In diesem Sinne: Dream bigger!
Einen wunderschönen restlichen April wünsche ich Euch!
Eure TinTro
(Bildquellen: Kinderfoto, Take That-Foto www.gettyimages.de ; Albencover www.robbiewilliams.com ; Foto mit Nicole Appelton - Alpha Cisotti Deidda; Foto mit Ayda Field - David M. Benett; Coverbild - Hamish Brown)