top of page

"This is what the truth feels like"

  • Autorenbild: TinTro
    TinTro
  • 10. Juli
  • 6 Min. Lesezeit

Hey, there's more of me and you've seen nothing

Hey, you've done nothing that I can't repair“ 


Lange angekündigt war Gwen Stefanis 3. Soloalbum eines der am meist erwarteten des Jahres 2016. Am 18. März erschien „This is what the truth feels like“ dann endlich und schoss von 0 auf 1 in den USA.

Eigentlich war die Veröffentlichung bereits für Dezember 2014 geplant. Doch Gwen war gerade zum 3. Mal Mutter geworden und hatte daher andere Prioritäten. Zudem war sie uninspiriert und litt unter einer Schreibblockade. Das bis dahin produzierte Material wurde verworfen und man begann noch einmal ganz von vorn. Und wir alle können für diese Entscheidung nichts als dankbar sein. Trotzdem wurden zwei Singles davon herausgebracht: „Baby don´t lie“ (okay) und „Spark the fire“ (richtig gute Partynummer). Allerdings fehlte ihnen die Kraft zu überraschen so wie „What you´re waiting for“ und „Wind it up“ es taten.

Bemerkenswert ist, dass ich jedesmal von ihrer neuen Musik enttäuscht bin und das Vorgängeralbum besser finde. Zwar gibt es Lieder, die mir sofort gefallen, aber insgesamt brauche ich eine Weile bis ich reinkomme. Am Ende halte ich dann immer das aktuellste Album für Bestes. An dieser Stelle muss ich gestehen, dass ich „Bouquet“ (2024) bisher nur einmal gehört habe und nicht besonders begeistert von Country bin. So wie ich mich kenne, gehe ich jedoch davon aus, dass ich es bald für ihr bestes Album halten werde.

2013 trennte sie sich von Gavin Rossdale, nachdem er sie mit dem Kindermädchen betrogen hatte. Als sie zwei Jahre später offiziell die Scheidung einreichte, war sie bereits mit dem Countrysänger Blake Shelton zusammen. Vor ein paar Tagen feierten sie ihren 5. Hochzeitstag.


(Quelle: Jamie Nelson)


Mit der Liebe fand auch die Inspiration zu Gwen zurück und sie begann diese turbulente Zeit musikalisch aufzuarbeiten. Ihre Plattenfirma Interscope Records legte ihr allerdings nahe, nicht zu intime Lieder zu schreiben. Man äußerte die Sorge, dass sich nicht genug Menschen mit den Texten identifizieren könnten. Nachvollziehbar, da die wenigsten von uns bisher mal verliebt waren oder Liebeskummer hatten.

Produzenten waren u.a. J.R. Rotem, Mattmann & Robin und Greg Kurstin (Lily Allen, Sia, Adele, Halsey, Kendrick Lamar, Foo Fighters, Gorillaz, Beck...). Als Co-Autor*innen stellten sie ihr Julia Michaels und Justin Tranter zur Seite. Gwen ließ sich aber nicht von ihrem Kurs abbringen und machte ihrem neuen Team klar: „I don't give a fuck about hits. I don't care about the radio. I'm here to tell the truth."Und ausgerechnet der, nach ihrer eigenen Aussage, persönlichste Song, den sie je geschrieben habe, „Used to love you“, überzeugte bei Interscope sofort. So unmittelbar und verletzlich haben wir sie das letzte Mal 1995 auf No Doubts „Tragic Kingdom“ erlebt.


(Art & Design: Gwen Stefani, Jolie Clemens, Jamie Nelson, Emily Frye, Aaron Bay-Schuck)


Bei der Komposition habe ich diesmal etwas Anderes ausprobiert. Da ich Weiß unter den 14 Bildobjekten am häufigsten höre, habe ich die Leinwand in drei Abschnitte unterteilt. Getrennt durch zwei „Brücken“, die aus den bunten Liedern gebildet werden.

Dadurch sind die meisten Elemente deutlich voneinander abgegrenzt, aber ihre fließenden Bewegungen lassen die Farben manchmal ineinander greifen. Neben einigen geometrischen Figuren finden sich die, für meine synästhetische Wahrnehmung typischen, rundlichen Formen mit weicher Umrandung und der Wolke als wiederkehrendem Motiv.


"This is what the truth feels like", 29. Jul 2018, 40x60cm, Acryl auf Leinwand


Alle drei Grundfarben sind vertreten. Die obere Brücke beginnt mit dem schwarzhumorig-sarkastischen „Red Flag“, das in zerfledderten roten Streifen, von weißen Schlieren durchzogen, am linken Rand hinunter hängt. Wird hier knallhart mit Rossdale ins Gericht gegangen, setzt sich Gwen in der Synthiepop-Ballade „Used to love you“ mit ihren Gefühlen auseinander. Ihr hypnotischer Gesang vermittelt die Emotionen so roh, dass man sich ihm nicht entziehen kann. So wie sich die rubinrote Fläche nicht gegen die größere, dunkelbraune auf der Leinwand behaupten kann.

Rosa- bzw. Pinkfacetten höre ich extrem selten. Ich habe mich sehr gefreut hier mal mit ihnen arbeiten zu können. In einem See aus Himbeere, Französische Rose und einem zarten Zuckerwatte ruht ein kirschroter Balken. Genauso verträumt wie das folkige „Rare“ selbst. Die Kalifornierein lieferte hier nicht nur eine ihrer schönsten Gesangleistungen, sondern auch Grund zur Spekulation. Die Zeile „And only a stupid girl would let you go!“ wurde als Seitenhieb auf Blakes Ex-Frau Miranda Lambert interpretiert.

Links schließt sich ein weißer Streifen mit winzigen, schwarzen Tupfen als „Asking 4 it“ an. Vielleicht liegt es daran, dass Hip Hop und Trap nicht meinen Geschmack treffen, aber dieses Lied wirkt verloren auf mich. Weder passt es zum Rest der Platte, noch kommt es so richtig in die Gänge. Auch das Feature mit Fetty Wap wäre beinahe nicht Zustande gekommen. Der damals noch blutjunge Newcomer war so gefragt, dass er einen Studiotermin nach dem anderen absagen musste. Da Gwen jedoch so begeistert von seiner „charaktervollen“ Stimme war, ließ ihr Team nicht locker. Ich finde, diesen Stress war der Song nicht wert.

Wie so oft hatte ich Schwierigkeiten mich für einen Favoriten zu entscheiden. „Misery“ wurde kurz vor Release als Promosingle veröffentlicht und später dann die offizielle 3. Auskopplung. Diese sambabasierte Future-Disco-Nummer ist der Bombeneinschlag auf den ich gewartet hatte! Gwen wird zwar (zu Recht) als Modeikone gefeiert, aber ich finde, ihr künstlerisches Schaffen wird nicht genug gewürdigt. Ihre unbändige Freude verschiedene Stile zu verschmelzen, ihre charmant-frechen Texte und ihre unverkennbare Stimme verhalfen ihr nicht zu dem Status den sie als Künstlerin verdient. Was hat Taylor Swift, was Gwen Stefani nicht hat?

Aus ihrer Residenz im Zappos Theatre in Las Vegas sehen wir uns jetzt einen Auftritt vom 3. August 2019 an. Schon wieder die 3! Ich mag die nicht. Voll die Karen!



Orange ist die einzige Sekundärfarbe, die ich hier höre. Wir sehen sie in „Misery“ als Sonne mit weißen Strahlen, deren Enden mit gelben Punkten besetzt sind, umgeben von einer mitternachtsblauen Wolke.

Doch genauso gern mag ich „You´re my Favorite“, das sich daneben als weiße Wolke mit verwässerten, petrolfarbenen Punkten eingenistet hat. In eisigem Türkis verbindet der Closer „Loveable“ mit seinem dreieckigem Fuß, der in weißem Schaum steht, beide Brücken miteinander.

Rot ist ausschließlich in der oberen verbaut. Gelb dagegen fast nur in der unteren. Rechts sitzt eine osterglockenfarbene Wolke mit einem weißen Saum als Ska-Reggae-Mix „Where would I be?“.

Aus der unteren linken Ecke erhebt sich „Send me a picture“ als eine Art Hundemaul in einem satten Umbra, das ein leuchtend gelbes Dreieck mit welligem Rand verschluckt. Musikalisch ein Dancehall/ Raggae-Experiment, inhaltlich, wie es in einem Kommentar auf genius.com treffend formuliert wurde, eine „Ode ans Sexting“.

Auch fast ausschließlich in die obere Brücke integriert sind meine Lieblingssongs. Bis auf die Ballade „Me without you“, in der Gwen akzeptiert, dass ihre Ehe vorbei ist und ihre neugewonnene Freiheit umarmt. Sie thront als Gewitterwolke in verschiedenen Grautönen auf „Send me a picture“ aus der schwarze und blassgelbe Regenfäden zwischen weiße Wölkchen fallen.

Direkt unter „Red Flag“ zieht sich ein weißer Streifen mit goldenen Sprenkeln vertikal über den Bildrand. Das mit Cheerleaderchören gespickte, new wavige „Naughty“verführt einen bei all dem „finger wagging“ zwar dazu, nicht so genau auf den Text zu hören, erinnert einen dafür aber daran, dass trotz allem immer auch der Spaß ein wichtiger Faktor in Gwens Musik ist.

Es schmiegt sich an das electro-poppige „Truth“, ein weißes Dreieck mit runden Ecken und einem azurumrahmten blauen Quadrat. Es steht auf einer Linie mit „Where would I be?“, um der holprigen Komposition eine Mitte zu geben. Der Albumtitel als simpler, weißer Streifen dazwischen, gibt zusätzlich Stabilität.

Die gesamte untere rechte Ecke wird vom fluffigsten Lied des Albums „Make me like you“ eingenommen, das aus vielen kleinen, weißen Wolken besteht. Das Video dazu ist mit 12 Millionen Dollar nicht nur eines der teuersten aller Zeiten, es ist auch das erste und bis heute einzige, dessen Dreh live im Fernsehen übertragen wurde. Der theaterhafte Auftritt mit Outfitwechseln, Motorrädern, Rollschuhfahrt und riesigen Gwenmasken wurde von Sophie Muller inszeniert und während der 58. Grammyverleihung in einer Werbepause gefilmt. Das ging in Ordnung, da Target die ganze Sache gesponsert hat. Im Zuge der Recherche zu diesem Beitrag habe ich es mir mal wieder angesehen (mehrfach) nur um festzustellen wie verliebt und beeindruckt ich immer noch davon bin.

„This is what the truth feels like“ erzeugt ein helles, buntes Bild, das Fröhlichkeit ausstrahlt. Auch wenn die außergewöhnlichen Gebilde „Misery“ und „Me without you“ sowie die beiden Braunanteile diese heitere Stimmung bedrohen, stört das die übrigen Bildobjekte nicht im Geringsten. Und das passt auch zum Thema des Albums: Die neue Liebe ist so aufregend und echt, dass mit der alten endgültig abgerechnet werden kann.


Schönes Wochenende Euch allen!




Eure TinTro






Zitat aus „Me without you“

bottom of page