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Synästhesie & Co. - Savant-Syndrom

Dies ist vorerst der letzte Beitrag dieser Themenreihe. Falls Euch weitere Wahrnehmungs- oder Gedächtnisphänomene im Kontext mit Synästhesie auffallen, die hier besprochen werden sollten, meldet Euch gerne bei mir.

Ab und zu wird das "Savant-Syndrom" als eine Form der Synästhesie erwähnt. Manchmal wird es auch synonym für Hochbegabung verwendet. Beides ist nicht richtig. Die sogenannten Savants („Wissende“) verarbeiten weder mehrere Sinneseindrücke gleichzeitig noch sind sie schneller im Erkennen von Sachverhalten. Sie haben die berühmt berüchtigten Inselbegabungen. Talente, die nur ein geringer Prozentsatz der Weltbevölkerung hat, wie ein fotografisches Gedächtnis, ein Instrument spielen ohne je Unterricht gehabt zu haben, das Vermessen eines Raumes ohne Hilfsmittel oder das fließende Beherrschen von über fünfzig Sprachen.

Diese zerebralen Leistungen sind umso überraschender, da einige Betroffene einen niedrigen IQ haben. Ungefähr die Hälfte aller Savants sind Asperger-Autist*innen, haben eine geistige Behinderung oder sind anderweitig entwicklungsgestört. Zudem sind auffällig viele blind. Einfachste alltägliche Aufgaben wie duschen, Schuhe schnüren oder ein Brot schmieren können sie nicht allein bewerkstelligen und haben nicht selten nur ein primitives Sprachniveau. Sie verstehen oftmals ihre Begabung gar nicht und können sie nicht erklären. Zwar sind sie in der Lage sich eine Menge an Daten und Fakten zu merken, aber sie können die Inhalte und Zusammenhänge nicht erfassen. So kann ein/ eine Savant ein Buch komplett auswendig aufsagen, doch die tiefere Bedeutung nicht begreifen. Ihre außerordentlichen Fähigkeiten beziehen sich also auf einen spezifischen Teilbereich eines größeren Ganzen. Doch sie widmen sich dieser einen Sache ausdauernd und hingebungsvoll.

Und es kann sogar gerade dieses Talent sein, das die Autist*innen aus ihrer aufgezwungenen Isolation holt, denn manche geben Konzerte oder halten Vorträge. Die Förderung der sozialen Kompetenzen und des Erlernens von Alltagstätigkeiten und Schulwissen kann jedoch in selten Fällen dazu führen, dass die Fähigkeit schwächer wird oder komplett verloren geht.

Was das Savant-Syndrom verursacht, ist völlig unbekannt. Aber es gibt eine Theorie: Überschüssiges Testosteron im Fruchtwasser könnte schuld sein. Das lässt das Gehirn schneller wachsen, was zu den Veränderungen führt, die auch vom Autismus bekannt sind. Forscher*innen glauben so erklären zu können, warum satte 80% der Savants männlich sind. Wohingegen ja Synästhesie und Hochsensibilität mehr Frauen betrifft.

Das Syndrom ist in der Regel angeboren, kann aber auch durch eine später auftretende Hirnschädigung, z.B. durch einen Unfall oder Hirnhautentzündung, ausgelöst werden. Sogar Demenz kann es hervorrufen, was für Wissenschaftler*innen von besonderem Interesse ist. Bedeutet das, dass in jedem/ jeder von uns eine Inselbegabung versteckt ist? Kann man diese möglicherweise bewusst aktivieren? Ist sie dann hilfreich in Alltag und Beruf? Fragen auf die die Wissenschaft derzeit Antworten sucht und die sie sich auch in Bezug auf Synästhesie stellt.

Savants werden in zwei Kategorien eingeteilt. Diese Einteilung nahm der Psychiater und Autismus-Forscher Darold Treffert schon 1989 vor. Da sind einmal die „Talentierten“, deren besondere Fähigkeit durchschnittlich ist, jedoch in Hinblick auf ihre geistige Behinderung herausragend.

Und die „Erstaunlichen“, zu denen weltweit nur 100 Menschen zählen, die generell Überdurchschnittliches leisten.

Angeblich hat Rod González das Absolute Gehör, also die Fähigkeit eine Tonhöhe aus dem Stegreif exakt zu bestimmen. Nach eigener Aussage kann der Multi-Instrumentalist ein Stück nach einmaligen Anhören genau nachspielen.

Der Amerikaner John Sevier Austin lernte mit fünf Jahren fließend rückwärts zu sprechen.

Die 32-jährige Brittany Maier beherrscht über 15.000 Stücke auf dem Klavier und dabei hat sie nur sechs bewegliche Finger.

Der Künstler Alonzo Clemons kann weder lesen noch schreiben und spricht nicht besser als ein Erstklässler. Aber er fertigt detaillierte Tontiere nach Bildern an, die er lediglich zwanzig Sekunden studieren muss. Er wurde übrigens erst durch einen Unfall im Alter von ca. drei Jahren zum Savant.

Hier ist der Link zu seiner Homepage. Dort könnt Ihr Euch die beeindruckenden Figuren anschauen:


Alonzo Clemons Homepage


Der wohl bekannteste ist allerdings der Amerikaner Laurence Kim Peek, der grob das Vorbild für Dustin Hoffmans Rolle in „Rain Man“ war. Er konnte zwei Buchseiten gleichzeitig lesen, eine mit dem linken und die andere mit dem rechten Auge. Den Text konnte er sich innerhalb von sieben Sekunden merken. Zudem kannte er das Straßennetz, die Postleitzahlen sowie Telefonvorwahlen der gesamten USA und Kanadas auswendig. Und das ist nur ein Auszug seiner Begabungen. Grund dafür soll eine nur minimale Verbindung, die den Informationsaustausch zwischen der logisch-rationalen (linken) und der intuitiv-emotionalen (rechten) Gehirnhälfte regelt, sein. ABER: Neurobiologen weisen darauf hin, dass dies nur eine Vermutung sei. Eine derartige Gehirnkondition muss nicht unbedingt eine „Störung“ nach sich ziehen.

Da bei Savants meist die linke Hirnhälfte geschädigt ist mutmaßen Wissenschaftler*innen, dass sie keinen Informationsfilter haben, der relevant von irrelevant unterscheidet. Wahrscheinlich versucht die rechte den Schaden durch übermäßiges Abspeichern auszugleichen und macht so aus dem Gedächtnis eine Festplatte. Salopp gesagt: Ein sehr umfangreiches Auswendiglernen.

Daraus wird wiederum geschlossen, dass Rechengenies im Grunde gar nicht rechnen, sondern auf gemerkte Zahlenmuster und -ketten zurückgreifen. Dafür spricht auch, dass falsche Informationen mitabgespeichert werden, denn sie machen einmal gemachte Fehler immer wieder.

Die amerikanische Musikerin Ellen Boudreaux hat ein ausgezeichnetes Zeitgefühl. Sie weiß stets auf die Sekunde genau wie spät es ist. Mit acht Jahren bat sie ihre Mutter einige Male die Zeitansage anrufen zu dürfen. Ihre innere Uhr muss von da an die Sekunden bis heute weiter gezählt haben.

Auch die „Kalenderrechner“ haben ein verblüffendes Langzeitgedächtnis. Ihnen ist es möglich zu jedem beliebigen Datum den Wochentag und die wichtigsten Wetterdaten zu nennen.

Es gibt keine allgemeine Definition des Begriffs "Savant-Syndrom", weil die Fähigkeiten individuell unterschiedlich stark ausgeprägt sind und noch nicht lange intensiv erforscht werden. Obwohl es 1789 vom „Vater der amerikanischen Psychiatrie“ Benjamin Rush das erste Mal erwähnt wurde, der über seinen Patienten Thomas Fuller schrieb, dass dieser genau ausrechnen könne wie viele Sekunden jemand gelebt hat, der 70 Jahre, 17 Tage und 12 Stunden alt ist (wobei er die Schaltjahre mitbedachte). Ansonsten soll er jedoch „weder theoretisch und praktisch“ etwas verstanden haben. Mit größerem Interesse wurden Savants erst ab den 1880ern betrachtet. Leider haftete ihnen jahrzehntelang das Freak-Image an. Sie wurden bestaunt, aufgrund ihrer geistigen Behinderungen jedoch nicht ernst genommen. Mittlerweile hat sich der Umgang mit ihnen und Autist*innen stark gewandelt. Aktuell stehen sie deutlicher in der öffentlichen Aufmerksamkeit denn je. Nicht zuletzt durch die ABC - Erfolgsserie „The good Doctor“.

Mich wundert es nicht, dass das Savant-Syndrom für eine Art der Synästhesie gehalten wird, seltener erscheint es nämlich als verstärkte Berührungs- oder Geruchssensibilität.

Fehlerhafte Interviews tragen natürlich auch nicht zur Aufklärung bei. Als der britische Autor Daniel Tammet am 16. Juli 2014 bei Markus Lanz zu Gast war befragte dieser ihn unwissentlich, aber ausführlich zu dessen Graphem-Farb-Synästhesie. Nichtsdestotrotz sind seine Schilderungen sehr spannend.



Für mich haben Zahlen, neben ihren eigenen Farben, zwar auch Persönlichkeiten, aber ich beschäftige mich kaum mit ihnen. Zahlen sind etwas Trockenes, Rationales, Vorhersehbares.

Den Charakteren der Farben selbst andererseits begegne ich gerne und schätze ihre Gesellschaft. Sie sind viel aufregender, aufwühlender, in ihrer rohen Unwiderstehlichkeit erschaffen sie Chaos – sie sind Anarchist*innen.

Abschließend bleibt festzuhalten: Das Savant-Syndrom bringt außergewöhnliche Gedächtnisleistungen hervor, während Synästhesie zwei sinnliche Empfindungen verknüpft und die Wahrnehmung beeinflusst. Es handelt sich also um zwei verschiedene, unabhängige Phänomene, die aber wie man an Tammet sieht zusammen auftreten können.

Natürlich gibt es noch so viel mehr zu dieser Thematik zu sagen, aber seine ganze Komplexität kann hier nicht dargelegt werden. Ich hoffe, der kleine Überblick war fürs Erste informativ genug und sollte jemand einen Fehler entdeckt haben, dann gebt mir bitte Bescheid! Da ich ja selbst im Internet recherchiere, können mir auch Fehlinformationen unterkommen und ich darf solche über die Synästhesie nicht kritisieren, wenn ich bei anderen Themen selbst welche weiter verbreite (wenn auch unabsichtlich).


Ich wünsche Euch eine wundervolle Restwoche!


Eure TinTro

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